30 Jahre nach der Wende 1989 – 30 Jahre WESTEN 2019 – ein ganz persönlicher Rückblick, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse

(5) Erlebnisse, Eindrücke kurz nach der Wende

Probleme der Zeit lassen sich an einfachen Beispielen verdeutliche. Heute, 30 Jahre später, hört sich das alles fast kurios an. Im Ort stand eine größere Kaufhalle, die in freiwilliger Arbeit unter Mithilfe breiter Kreisen der Bevölkerung errichtet worden ist. Der „Kaufhalle“ stand die Wende noch bevor.
Dann war es so weit. Die DM war da. Nun mussten Westwaren zu Westpreisen eingestellt werden. Das war gut organisiert.

*Von der Kaufhalle zum Supermarkt in zwei Tagen

Das neue Geld ist da, allerdings durch den Umtauschsatz viel zu wenig. Die Kaufhalle des Ortes muss umgestellt werden – neues Geld, neue Waren, ein historischer Moment!
Mit dem Fotoapparat wartete ich um 18.00 Uhr auf den letzten Kunden für ein Foto. Der Kunde ließ sich ablichten, die Verkäuferin drückte letztmalig die Kasse zu, die Kaufhalle schloss.

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Die Kasse der DDR Kaufhalle wird ein letztes Mal geschlossen um 18 Uhr

Der erste Eindruck von Marktwirtschaft wurde gewonnen durch ein Umstellungsteam für Kaufhalle zu Supermarkt. Die Leute aus dem Westen reisten mit LKW und PKW am Morgen mit allerlei Geräten an. Leere Container standen bereit. Erste Passanten blieben stehen und beobachteten das interessante Treiben. Ich gesellte mich zu ihnen. Die Arbeit begann. Sicher hätte man die DDR Produkte mit der Hand aus den Regalen einfach entnehmen und in die Container werfen können, aber es sollte wohl eine Show für Publikum werden. Die Waren wurden aus den Regalen gewischt, knallten auf den Fußboden, zerbrachen oder platzten auf und gingen miteinander eine Verbindung ein. Mehle, Öl, Essig und andere Produkte gaben ihre Gerüche ab. Die zersprungenen Gewürzgurkengläser rundeten die Düfte ab. Das war ein fröhliches Treiben und die Ausräumer spornten sich gegenseitig an. Die Kaufhalle war groß! Ein älterer Mann aus dem Publikum rief: „… und das entwickelt sich jetzt auch bei uns so?“ Einer aus dem West-Team heraus, ein stämmiger Schwarzer, antwortete: „Da könnt ihr im Osten mal sehen, wie gearbeitet wird!“
Die große Sauerei wurde mit breiten Schiebern durch die Kaufhalle zum Ausgang geschoben. Essig oder die Brühe der Gurkengläser dominierten jetzt die Abfälle. Mit breiten Schaufeln wurden die Container gefüllt. Einige klügere Denker fragten sich nun und äußerten das auch, ob die das jetzt mit uns auch so machen wie mit den Waren der Kaufhalle? Dann wurde mit Hochdruckgeräten gereinigt, aber der Gestank blieb.
Am nächsten Morgen rollten mehrere LKW an; ein neues Team räumte ein. Der Geruch vom Vortag umwabberte immer noch die Kaufhalle. Es roch nach implodierter DDR.
Eröffnung am nächsten Tag, Andrang, jeder wollte mal westliche Warenpracht bewundern. Erst Staunen, dann Blick auf die Preise und die Käufer wurden immer stiller, dachten wohl an ihre Arbeitslosigkeit und viele gingen mit leeren Einkaufstaschen, waren bedient. So hatten sich wohl einige die neue Warenwirtschaft und herbeigesehnte Wende nicht vorgestellt. An den erhofften Bananen hing doch noch anderes dran!
Um die Realität der Zeit um 1989/90 zu vermitteln, fällt mir ein weiteres Ereignis ein, das sich allerdings über Jahre hinzog.

*Ein 1865 erbautes Kurhaus bewältigte die Wende nicht

Die Stadt hatte mal ein Kurhaus. Kuren gegen Rheuma und weitere Gelenkerkrankungen wurden seit 1845 angeboten; 1865 wurde dann das Kurhaus gebaut. Angebaut wurde in den Folgejahren, auch mal umgebaut. Im 1. und 2. Weltkrieg war es Lazarett. Der Kurbetrieb wurden über die gesamte DDR Zeit aufrecht erhalten. Zwei Jahre vor der Wende stand eine Renovierung an, grundhaft. Alle Kurgebäude wurden entkernt, alles neu aufgebaut und installiert: Räume, Küche, Gesellschaftsräume, Kureinrichtungen, Heizung, Elektrik, Wasseranlagen und was sonst noch ein Kurhaus so alles benötigt. Die Möbel wurden komplett erneuert. Kurz vor der Wende sollte Eröffnung sein. Aber, die Leute hatten in der bewegten Zeit anderes im Sinn und da war auch niemand, der Kuren verschreiben oder das Haus in Betrieb setzen konnte.

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Kurhaus mit Parkanlagen in der 80er Jahren

Nun teilte das eröffnungsbereite Kurhaus das Schicksal der meisten Betriebe und Einrichtungen der DDR, die die Treuhand verscherbelte. Es ging mit dem großen Parkgrundstück und allen Gebäuden für eine Mark weg. 
Erst fand sich länger Zeit kein Käufer, dann wollte doch jemand das Kurhaus haben und weiter betreiben. Der Käufer legte Bankbürgschaften vor, ein Investitionskonzept und ein Konzept für den weiteren Betrieb. Alles wurde geprüft und für gut befunden.
Aber es geschah erst mal nichts. Das Nichts dauerte einige Jahre. Dann meldete sich der Käufer wieder mit einem Abrissprojekt für sein Eigentum. Er wollte das große Grundstück parzellieren für Einfamilienhäuser. Das wurde abgelehnt. Wieder war es ruhig einige Jahre. Dann sahen Anwohner eines Tages nachts Feuerschein hinter einigen Fenstern des Kurhauses. Gemeindrang eilte das Feuer zu löschen. Noch vor Eintreffen der Feuerwehr hatten die Anwohner es geschafft und den Brand gelöscht. Sie sahen aber noch an den Nummernschildern, dass das Team für den warmen Abbruch aus den alten Bundesländern kam. Ermittlungen verliefen im Sande. Wieder vergingen Jahre. Der warme Abbruch hatte nicht geklappt. Das Gebäude war geschädigt. Nun wartete der Eigentümer kalte Wintertage ab. Listig setzte er sein Abbruchteam nochmals in Bewegung an einem Wintertag mit unter -15°C. Die drehten Haupthahn und alle Anschlüsse auf. Das Wasser leistete leise ganze Arbeit, sickerte in alle Ecken, gefror und sprengte das Gebäude, was man von außen nicht sehen konnte. Eine zufällige Besichtigung kurze Zeit später zeigte, das Kurhaus ist eine Ruine. Erst jetzt wurden staatliche Stellen tätig, konnten aber den Besitzer ewig nicht finden, fanden ihn dann nach langer Zeit doch und stellten fest, dass er in der Schweiz und in zwei Bundesländern seit Jahren per Haftbefehl gesucht wird. Alle vorgelegten Unterlagen der Banken, Polizei u.a. waren diletantisch gefälscht. Keiner hatte es bemerkt in der Wendezeit. Die Rückübertragung der Kurhausruine und des Grundstückes dauerte wieder einige Jahre. Dann wurde verkauft an eine schwedische Firma. Die baute eine Seniorenresidenz, brachten alles Baumaterial und alle Einrichtungen aus Schweden mit. Die Schweden betrieben das Altenheim einige Jahre und verkauften dann an einen deutschen Altenheimkonzern.
Typisches Beispiel der Wendezeit waren die Begebenheiten mit Kaufhalle, Kurhaus. Mit diesen oder ähnlichen Ereignissen könnte vermutlich jeder Ort in der alten DDR dienen.

*Nach dem Ausverkauf des „Volkseigentum“ beginnt die Neubesetzung lukrativer Posten

Der Ausverkauf des „Volkseigentum“ nahm ungeahnte Formen an. Alles wurde verschleudert, aufgekauft für eine Mark, dann ausgeplündert, um sich der Konkurrenz zu entledigen. Im günstigsten Fall blieben verlängerte Werkbänke übrig, die Firmen in den alten Bundesländern nicht mehr schaden konnten.
Nach dem Ausverkauf des DDR Vermögens begannen anschließend der Aufbruch alter Strukturen. Nun wurde politisch durchforstet, wurden „alte Seilschaften“ aufgespürt.
Es ging ausschließlich um SED Mitglieder und Funktionäre. Alle mit der SED verbündeten Parteien blieben erhalten und deren Mitglieder wurden von den Parteien der Bundesrepublik übernommen. Dabei waren nicht wenige, die die SED immer wieder links überholen wollten. Der schöne Begriff von den „Wendehälsen“ machte die Runde.
Nun war fast das einzige Kriterium für die Übernahme von staatlichen Funktionen, nicht Mitglied der SED gewesen zu sein. Alte Rechnungen wurden beglichen; viel Hass wurde gesät und geerntet. Ein Glück war, dass Posten, wo wirklich etwas zu entscheiden war, mit Westimporten besetzt wurden, der Sachverstand besaßen. Die holten dann aber viele Freunde und Bekannte nach bei Sparkassen, Gerichten, staatlichen Verwaltungen, Universitäten u.a.m. Diese Bekannten sollten auch etwas von der Wende haben und die „Buschprämie“ abgreifen können. Die Korruptionen erreichten blühende Zeiten. Die Presse berichtete ständig darüber.
Ein Freund hatte nach langer Arbeitslosigkeit eine Stelle bei einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft bekommen. Er war glücklich, nicht mehr ausgeschlossen zu sein beim Neuaufbau. Seine Freude währte nicht lange. Seine Chefin aus dem Westen bestellte ihn nach wenigen Monaten zu sich und teilte ihm mit, er wäre ungeeignet, wäre SED Mitglied gewesen. Seine Stelle wurde neu besetzt mit einem Major der Bundeswehr, der mit seinen 50 Jahren noch einmal etwas anfangen und Geld verdienen wollte.
Eine Bekannte aus dem engeren Umfeld der Familie hatte die letzten Jahre als Sekretärin bei einem Funktionär der SED in der Stadt gearbeitet und war nach der Wende viele Jahre arbeitslos. Glücklich war auch sie, als ein Unternehmer aus Bayern im Ort Sekretärinnen suchte. Sie stellte sich vor, er beurteilte ihre Fähigkeiten und stellte sie sofort ein. Natürlich hatte sie ihm gesagt, wo sie vorher gearbeitet hatte. Der politische Kram interessiere ihn nicht, sagte der Bayer. Sie arbeite gut mit ihm zusammen; er hatte die richtige Arbeitskraft ausgewählt. Das betonte er mehrmals. Allerdings merkte sie, dass es Getuschel und feindliche Blicke unter den andern Mitarbeitern aus dem Osten gab.
Nach ein paar Monaten bestellte er sie zu sich, wirkte betreten und teilte mit, dass er sie entlassen müsse, weil die anderen Mitarbeiter aus dem Osten das von ihm verlangen würden. Den Frieden im Unternehmen galt es zu wahren, der sei wichtig! Er zahlte ihr noch drei volle Monatsgehälter, entschuldigte sich und sie gehörte wieder zum Arbeitslosenheer. So erging es vielen Arbeitssuchenden …

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(4) 1989 – Tag der Republik, 7. Oktober, Nationalfeiertag der DDR – das Ende der DDR

Gorbatschow war Gast in Berlin und hinterließ einen weisen Spruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Damit war klar, die versinkende DDR hatte von der Sowjetunion keinen Beistand zu erwarten. Ihr Ende musste sie selbständig organisieren. Die Garde der alten Männer an der Spitze hatten das begriffen, aber was sollten sie tun? Aufhalten konnten sie nichts mehr. Der Zug rollte und einige sprangen noch schnell auf, um auf der anderen Seite wieder oben zu sein.
Nicht viel später kam die Pressekonferenz, auf der Schabowski mitteilte, dass ab sofort die Grenzen geöffnet seien und jeder in den Westen dürfe – „Unverzüglich!“.
Richtig glauben konnte das niemand und schlichte Gemüter schrien, heulten und fuhren mit dem Trabbi in den Westen. Die Grenzsoldaten wussten von nichts, öffneten die Grenzen aber trotzdem. Andere wälzten existenzielle Gedanken.
Jede Ordnung löste sich auf. In den Betrieben meldete man sich nicht ab oder bat um Urlaub, Eltern fuhren mit ihren Kindern in den Westen oder blieben ganz weg. In den Schulen wurde der Unterricht am Sonnabend per Anruf abgeschafft. Nach wenigen Tagen kamen die meisten Leute wieder zurück. Mit der DDR-Mark konnte man im Westen nichts kaufen. Vielfach berichteten die Westbesucher, dass die Verwandtschaft, die sie westlich der DDR aufgesucht hatten, froh war, dass die Ossis wieder abreisten. Dieser Massenauszug wiederholte sich nochmal, als die 100 DM Begrüßungsgeld abgeholt werden konnten.
Entscheidungen wurden von der Bundesregierung unter Helmut Kohl getroffen, zu denen es aus der Sicht nach 30 Jahren keine vernünftige Alternative gegeben hat. Der Geldumtausch gehörte dazu.

Pressekonferenz, auf der Schabowski mitteilte: Grenzen sing geöffnet – „Unverzüglich!“

*Unerfahrene DDR Bürger wurden in breiter Front abgesahnt – Lehrgeld für die Marktwirtschaft


Das rief die Autohändler auf die Matte mit günstigen Krediten; auch ich kaufte meinen ersten Ford auf Raten als Neuwagen. Andere ließen sich Rostlauben für teures Geld andrehen. Auf den Märkten machten sich Händler breit mit ihren Ständen und boten Waren an, die für DDR-Bürger Träume erfüllten: Textilien, Werkzeuge, Radios u.a.m. Mit jungen Standbetreibern aus dem Westen kam ich ins Gespräch beim Kauf von Autowerkzeug. Studenten seien sie, sagten sie, hätten Werkzeugkästen für Autos günstig aufgekauft und machten hier guten Gewinn. Ich kaufte und musste kurze Zeit später im Westen sehen, dass ich zwei Drittel zu viel bezahlt hatte.
Versicherungen und besonders Zeitschriftenhändler nervten die Leute; Kredite wurden ausgereicht in schwindelerregenden Höhen.
Einige Mitbürger müssen wohl geglaubt haben, das Paradies sei jetzt angebrochen. Sie kauften und kauften. Auf den Bürgersteigen häuften sich DDR Möbel, Kühlschränke, Radios und vieles andere aus DDR Produktion. Das meiste war noch verwendungsfähig. Die Müllabfuhr hatte zu tun, holte ab mit angejahrten Fahrzeugen von Mercedes.
Plötzlich waren viele Autos auf den Straßen, überall Stau. DDR Straßen waren für einen solchen Verkehr nicht vorgesehen. Überall an den Straßenrändern standen verweise Wartburgs und Trabants ohne Nummernschilder. Unsere Freunde aus den Niederlanden, die zu Besuch waren, konnten es nicht fassen: noch Benzin drin, Schlüssel steckt auch …
Bei den größeren Betrieben platzten deren Parkplätze aus allen Nähten. Das währte aber nicht lange. Nach wenigen Wochen passten die Autos der Belegschaft wieder auf die Betriebsparkplätze. Dann standen noch eine Weile größere Limousinen von BMW, Mercedes, Audi herum. Dann waren die Tore geschlossen.

Mauer im Zentrum der Stadt mit einem Zitat von Lenin – Korrektur im November 1989

*Betriebsschließungen – große Arbeitslosigkeit

Die Anzahl der Arbeitslosen hatte ungeahnte Höhen erreicht. Dann wurde es echt peinlich. Frauen, denen man von der Kleidung her ansah, dass sie in Büros gesessen hatten oder in verantwortlichen Funktionen tätig waren, zupften mit bloßen Händen Gras im öffentlichen Bereich, Männer handhabten ungeschickt Schaufeln und Besen bei der Straßenreinigung. Funktionäre der SED und staatlichen Organen, die man kannte, schlenderten durch die Straßen und drückten sich die Nasen an Schaufenstern platt. Plötzlich waren sie ein Nichts und Verachtung schlug ihnen entgegen, manchmal auch lautstark.
Ganze funktionierende Firmen wurden von der Treuhand für eine DM verkauft. Die neuen Eigentümer wollten übernehmen, investieren und produzieren. Ihre Bankunterlagen hatten sie in einigen Fällen selber erstellt. Dies fiel aber den neuen unerfahrenen Leuten in Verantwortung nicht auf.
„Blühende Landschaften“ waren versprochen worden. Die Realität sah anders aus. Kurzer Zeit nach der Übernahme waren die Betriebskonten abgeräumt, Arbeiter, die zur Schicht kamen, stellten fest, über Nacht waren die Maschinen verschwunden, die man zu DDR Zeit in der BRD gekauft hatte. Man teilte den Betriebsangehörigen mit, sie seien entlassen, freigestellt und hätten auf dem Betriebsgelände nichts zu suchen.
Aber andere Beispiele ließen sich auch nennen. Die drei größeren Betriebe im Heimatort wurden von namhaften Unternehmen übernommen, keiner wurde entlassen; es wurde investiert, modernisiert und die Produktion hochgefahren. Dem Ort allerdings nutzen nur die Arbeitsplätze; Steuern werden in westlichen Bundesländern gezahlt. Ein Traditionsunternehmen aus dem Westen kaufte noch von der DDR Regierung in der Wendezeit das Filetstück des Ortes für einen zweistelligen Millionenbetrag. Kurze Zeit später hätten sie den Betrieb von der Treuhand für eine Mark bekommen. Das Geld gab es nicht zurück!
In der Folgezeit waren überall, wo man hin kam, verantwortliche Leute ausgewechselt worden. Die meisten kamen aus dem Westen und nicht immer war es einfach sich zu verständigen, nicht nur wegen des Dialekts.

DRESDEN: Kundgebung mit Helmut Kohl – „Blühende Landschaften“ wurden versprochen!

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(3) Die WENDE 1989 – einige Monate vorher

1989 bahnte sich die Wende an. Jahre vorher, besonders nach 1982 wurde die Situation immer bedrückender. Unter allen Bekannten, Freunden und in der Familie war unstrittig, das geht nicht mehr lange gut. Was sein würde, konnte sich niemand so richtig vorstellen. Auch in gehobenen Kreisen der Nomenklatura, der Polizei, Armee, staatlichen Verwaltungen, auch bei der Stasi war das klar. Über Freunde, Kollegen, Bekannte gab es vielfältige Kontakte zu diesen gesellschaftlichen Bereichen.

Das erklärt vielleicht auch, warum es in der Wendezeit keine Schießbefehle oder andere lebensbedrohliche Repression gab. Alle hatten begriffen, ein Gesellschaftsmodell verabschiedet sich, dass sich ökonomisch nicht selbst erhalten kann. Sprecher aus den Reihen der Kirche, Bürgerrechtler oder Umweltschützer meldeten sich immer wieder kritisch zu Wort. Menschen begannen sich um sie zu scharen, erst zögerlich, dann immer offener. Sie übten den Widerstand immer nachdrücklicher. Verantwortliche DDR Organe wußten nicht, wie sie darauf reagieren sollten, weil ihnen noch bewußter als den einfachen Leuten war, die DDR ist am Ende und man muß weiter leben. Auch der letzte Gorbatschow Besuch zum letzten Jahrestag der DDR hatte an diesem Verhalten Anteil. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“, sagte Gorbatschow.

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Letzter Besuch Gorbatschows zum Jahrestag der DDR

Über die Medien der BRD wurden Gedächtnisprotokolle unters DDR Volk gestreut. Die heizten den Widerstand weiter an. Später stellte sich jedoch heraus, dass diese Protokolle nur Luftnummern waren. Darstellungen wie, Leute wurden von der Polizei bewußt die Treppen hinunter gestoßen oder die Stasi ließ Festgenommene 24 Stunden bis zum Hals im kalten Wasser stehen, waren nicht beweisbar. Das fanden BRD-Richter in Verfahren dann nach der Wende heraus.

* die Staatssicherheit auf weitaus mehr Kampffeldern unterwegs

Ein Bekannter, dessen Bruder in der Kreisdienststelle der Stasi arbeitete, erzählte unter dem Mantel der Verschwiegenheit, dass sein Bruder seit Monaten nichts anderes mehr machte, als mit dem Auto herumzufahren, um von Zulieferern Montageteile zu erpressen, damit im Einzugsbereich der Kreisdienststelle in einem großen Industriebetrieb mehrere Großmaschinen für den Export ausgeliefert werden konnten. Es handelte sich um einige Spezialschrauben. Dem Kombinatsdirektor in einem anderen Bezirk, der die Schrauben nicht geliefert hatte, wurde klassenfeindliches Verhalte zum Schaden des Landes vorgeworfen; er lieferte. Die Produktion kam dann eben anderswo zum Stillstand. Allgemeiner Unmut, Mißtrauen in der Familie, unter Freunden, Bekannten vertiefte sich immer stärker. Wer beobachtete wen, fragte man sich immer wieder?

*Misstrauen: Einbeziehung von Freunden und Bekannten in die Beobachtung

Nach meiner Abstempelung als Klassenfeind 1982 begannen um 1987 befreundete Familien mich und meine Frau einzuladen. Wir waren erstaunt, weil wir ein so enges Verhältnis nicht pflegten. „Kommt doch mal zum Grillen!“, wurde gesagt. Bei der Unterhaltung wurde klar, sie wollten immer wieder wissen, wie unsere Kontakte zu den holländischen Freunden sich nach der Bestrafung gestaltet hatten. Bei einer weiteren Einladung zu einer anderen Familie Wochen später wurde das noch deutlicher. Wußten die doch das, was wir beim abendlichen Plausch arglos der anderen Familie berichtet hatten. Weitergegeben hatten wir das nie. Da fiel uns auch auf, dass beide Kinder der einen Familie, obwohl nicht aus der Arbeiterklasse, Medizin studieren durften, der Sohn einen mini Wehrdienst ableisten konnte nahe beim Elternhaus. Sie hatten auch immer wieder einen neuen Wartburg ohne lange Wartezeit.

Aber diese Zusammenhänge zu sichten und wissenschaftlich aufzuarbeiten ist erst der nächsten Generation vorbehalten. Wer nur die Stasi als DDR typisch heraus greift und nicht das Wirken der Parteien, der Sicherheitsorgane und nicht die ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen beleuchtet, alles im Komplex betrachtet, wird zu keinen Schlüssen kommen für zukünftige Generation. Viele Akteure der Wendezeit haben sich später als Helden den Sieg der Wende angeheftet und sich lukrative Positionen nach dem Umbruch gesichert.

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(2) WENDE 1989 deutete sich schon nach 1980 an – Erfahrungen der Vorwendezeit 

Die Wende 1989 kündigte sich schon viel früher an. 1981/82 war die Wirtschaftslage extrem mies. Die DDR schaukelte der Pleite entgegen. Das konnte keinem Bürger verborgen bleiben. Die Regale in den Einkaufshallen lichteten sich. Salz, Speiseöl und viele andere Lebensmittel des täglichen Bedarfs waren plötzlich Mangelware. Brot ging auch mal aus und auch Textilien, Ersatzteile, technische Geräte fehlten plötzlich in den Einkaufsregalen. Die Flüsterpropaganda, unterstützt von ARD/ZDF, sah den Zusammenbruch voraus.

*Niedergang der Wirtschaft – verstärkte Repressionen

Es stimmte wohl, die DDR war dicht vor der Pleite und alles, was sich auf dem Weltmarkt verscherbeln ließ, wurde zu Schleuderpreisen exportiert. Die Pleite konnte 1981/82 noch einmal abgewendet werden mit einem Milliardenkredit der BRD, aber nun wurde noch intensiver ideologisch agitiert und Partei und Staat weiteten die Repressionen gegen Bürger aus, die den Anschein erweckten, selbst denken und handeln zu wollen. Die Genossen wollten die allgemeinen Anzeichen des Niedergangs mit verstärkter ideologischer Bewusstseinsbildung ausgleichen. Die Überwachung durch IM der Staatssicherheit erreichte ungeahnte Höhen – Misstrauen überall!

Mit disziplinarischen und strafrechtlichen Maßnahmen wurden zur Abschreckung Beispiele praktiziert an Leuten, die bekannt waren und Achtung genossen: Schuldirektoren, Lehrer, Betriebsleiter, Funktionären, Künstler u. a. Alle sollten sehen, wohin es führt, Nähe zum Westen, zum Klassenfeind zu haben oder den eigenen Kopf zu benutzen. Das trat man dann auch in der Presse ordentlich breit. Nicht schön, wenn man als Beispiel ausgewählt wurde.

* Neu als Schulleiter 1968

Mir wurde 1968 eine Schule aufgedrückt, 1250 Schüler, 80 Lehrer/Erzieher – vom Lehrer zum Schuldirektor über Nacht. Ablehnung war nicht vorgesehen. „Du machst das schon!“, sagten die Genossen – „Parteidisziplin!“ Der alte Schuldirektor hatte über Nacht sein Amt verloren wegen Missachtung hoher Parteifunktionäre. Im Ort wurde das Gästehaus des Bezirkes betrieben, in dem Mitglieder des Politbüros, ZK der SED oder der Regierung beherbergt wurden während des Besuchs im Bezirk. Manchmal war oft Besuch da und immer mussten Junge Pioniere in Begleitung des Schuldirektors die Gäste begrüßen mit Blumen. Mein Vorgänger hatte die Nase davon voll, drei- bis viermal die Woche die Begrüßung zu beaufsichtigen. Meist verspäteten die Gäste sich um Stunden. „Heute nicht!“, sagte er eines Tages und blieb zu Hause. Am nächsten Tag war seine Stelle frei.

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Schulappell zum 1. September 1974

Nicht einfach, eine so große Schule ohne Erfahrung zu führen, wo sich doch alle nur um die ideologische Ausrichtung kümmerten, um sozialistische Erziehung. Materielle Bedingungen, Schulorganisation und pädagogische Probleme blieben außen vor; Geld war auch nicht vorhanden. Wären da nicht die Direktoren der drei Betriebe des Ortes gewesen, dann wären die alten Schulgebäude ohne Licht, Heizung u. a. Mängel nicht zu betreiben gewesen. Die Handwerker der Betriebe hielten auf Kosten der Betriebe die Schule am Laufen. Geld, Material, Handwerker Kapazitäten standen nur geplant in wenigen Ausnahmefällen zur Verfügung. Schulleiter sein hieß, Verantwortung für Anzahl der Milchtrinker, Teilnehmer an der Schulspeisung, Jugendweihe, Offiziersbewerber und viele andere Nebensächlichkeiten zu tragen. Verantwortlich für JP/FDJ war er auch, da die Jugendorganisation es nie schaffte, ihre Aufgaben selbst in den Griff zu bekommen.

Der erste Schultag am 1. September hätte auch der letzte Tag in der Funktion sein können. Alle hatten bei Amtsübernahme Hilfe versprochen für die Vorbereitung des neuen Schuljahres; diejenigen Kollegen, die auf das Amt gehofft hatten, geizten auch mit Erfahrungen und Hilfe.

*Vor dem ersten Schultag am 1. September

Alles war organisiert, der Schuljahresarbeitsplan geschrieben und nun saßen 80 Lehrer im „Pädagogischen Rat“. Mit weichen Knien erläuterte ich die Aufgabenstellungen des Jahres. Hilfe gab es vorher nicht, aber jetzt war eine Genossin der Bezirksleitung der SED da, weil ja der Schulleiterwechsel politische Gründe hatte. Jung, blond, schön, mit hohen Absatzschuhen und knapp geschnittenem Kostüm saß sie da. Nach der Erläuterung des Schuljahresarbeitsplans meldete sie sich sofort zu Wort und ließ kein gutes Haar an den ideologischen Zielstellungen für das Schuljahr. Zu Pädagogik, Unterricht und Schulorganisation verlor sie kein Wort. Alle ideologischen Formulierungen waren ihr zu unkonkret, zu wenig kämpferisch und zu lasch. Ihr Beitrag gipfelte in der Vermutung, dass hier der Klassenfeind seine Hände im Spiel habe. Es stimmte natürlich, die ideologische Ausrichtung war für mich eher Nebensache. Ich war froh, bei allem Mangel doch noch den 1. September als Schulbeginn materiell gerettet zu haben.

Den Diskussionsbeitrag konnte ich nur als persönliche Beleidigung sehen. Ich nahm die einzelnen Blätter des Schuljahresarbeitsplans zusammen, stand auf, ging langsam durch den Konferenzraum zu einem stehen gebliebenen Papierkorb und begann schweigend die einzelnen Blätter zu zerreißen. Atemlose Stille! Dann sagte ich: „Auf Wiedersehen!“ und ging nach Hause. Nach 30 Minuten kam ein Anruf vom Schulrat aus der Kreisabteilung. Ich sollte mich sofort wieder in der Schule einfinden, sonst … Er fragte noch, wie oft die Genossin der Bezirksleitung bei der Schuljahresvorbereitung anwesend war. „Heute habe ich sie erstmals gesehen“, war meine Antwort. Später war zu erfahren, sie wurde einige Etagen herabgestuft in ihrer Bezirksleitung der SED.

1972: Fest junger Künstler; musikalischer Wettbewerb einzelner Klassen

Die folgenden Jahre waren immer von diesem Vorfall belastet. Hatte die Schule in sportlichen o.a. Wettbewerben den ersten Platz belegt im Kreis, gab es folgende Sprachregelung: die Schule in R. Hat einen hervorragenden 2. Platz belegt – Zentrum der Arbeiterklasse, Wismut . Die Schule in W. verdient Anerkennung und belegte den 3. Platz. Die Schule in B. belegte auch noch einen guten 1. Platz. Das ging so mehr als 10 Jahre, keine Belobigung, keine Beförderung. Fast alle anderen Schuldirektoren des Kreises hatten es zum Oberstudienrat geschafft. Kleine Konflikte häuften sich mit Schulamt und Partei. Meine Nachfragen nach dem „Warum“ von Anweisungen galten schon als Widerstand.

*Überraschung im Juni 1982

1982 absolvierte ich eine Heilkur. Am ersten Schultag wurde mir von meinem Stellvertreter mitgeteilt, dass ich gar nicht erst anfangen brauche, ich sollte mich in der Kreisabteilung einfinden. Nach kurzer Anhörung dort war ich entlassen, arbeitslos. Grund: Westkontakte und Unehrlichkeit gegenüber Staat und Partei. Genüsslich wurde gefordert, mir viel Asche aufs Haupt zu streuen. Das Aschestreuen hatte aber für mich Grenzen. Ich blieb entlassen. Da ich das Vertrauen der DDR missbraucht hatte, wurde das natürlich auch veröffentlicht. Die Presse machte viele große Worte um diesen Vorfall. Es war auch kein Trost, dass ich von weiteren Maßregelungen unterschiedlicher Verantwortungsträgern in Betrieben und Ämtern hörte. Was warf man mir vor

Drei Jahre früher hatte ich bei einem Urlaub auf einem Campingplatz in Bulgarien am Schwarzen Meer ein holländisches Ehepaar kennengelernt. Der Mann war auch Schuldirektor. In den Urlaubswochen hatten wir uns viel zu erzählen und schieden als Freunde. Da Westkontakte sehr ungern gesehen wurden, telefonierten wir über öffentliche Fernsprecher. Eines Tages fragte er mich, ob ich ihm einige unserer Lehrpläne für Mathematik, Physik u. a. Fächer besorgen und schicken könnte, denn einige seiner Kollegen unterrichteten nach DDR Lehrplänen, weil sie die für systematisch und anspruchsvoll im Aufbau von Klassenstufe zu Klassenstufe hielten. Sie besaßen Kopien, kaufen konnte man DDR Lehrpläne nicht in Holland. Er wollte mal die Originale einsehen. Seinen Wunsch erfüllte ich völlig arglos. Später sendete ich ihm auch noch ausgesonderte Lehrbücher für Mathematik und andere naturwissenschaftliche Fächer. Da die Pakete ja immer einige Kilo wogen, wurde man irgendwie auf mich aufmerksam. Ein Unrechtsbewusstsein hatte ich nicht. Ich war sogar stolz darauf, dass man unser Schulsystem so hoch schätzte. Dann wollten die holländischen Bekannten uns mal in der DDR besuchen und hatten beim Außenministerium der DDR angefragt. Sofort kamen von dort alle Reiseunterlagen und die Mitteilung, dass man sich freue, dass Interesse für die DDR vorhanden sei.

Ich teilte diesen Wunsch meinem vorgesetzten Schulrat mündlich mit. Er schaute in seine Unterlagen, aber da stand nichts von Holland, sondern nur zu Besuchen aus der BRD. Sie waren also eingeladen und wir besuchten Erfurt, Jena, Dresden und Buchenwald. Heimlich zeigte ich ihm auch meine Schule. Mehrmal wurde ich in dem großen Volvo gesehen. Die Holländer waren angetan von dem, was sie von der DDR sehen und hören konnten. Das klang alles ganz anders als in ihren Medien. Schulbücher und Westbesuch, da wurde die Stasi aufmerksam.

Nun war ich entlassen. Es war die Zeit, als unsichere Elemente öffentlichkeitswirksam entfernt werden mussten. Mein Schulrat konnte sich auch nicht mehr erinnern, dass ich ihn vor dem Westbesuch mündlich informiert hatte. Schriftlich lag nichts vor, war aber auch nicht gefordert gewesen. Nach einer Woche Arbeitslosigkeit entschloss ich mich zur Arbeiterklasse in die Produktion zu gehen, aber die mir bekannten Betriebsdirektoren trauten sich nicht, mich zu beschäftigen.

*Zeit der Bewährung und verordneter Erziehung

Vier oder 5 Wochen später wurde ich wieder ins Schulamt bestellt. Sie wollten Gnade vor Recht ergehen lassen und mich als Lehrer in eine entfernte Schule schicken, in ein gefestigtes Kollegium, das fast nur aus Genossen bestand. Hin- und Rückfahrt seien allerdings beschwerlich! Ich sagte zu, auch wenn ich mehrmals umsteigen musste und viel Fahrzeit brauchte. An der neuen Schule kannten alle Kollegen und auch viele Schüler meinen Fall. Nach anfänglicher Skepsis schlug mir volle Solidarität entgegen. Außerunterrichtliche Veranstaltungen wurden so gelegt, dass ich teilnehmen konnte. Mein Stundenplan wurde den für mich günstigsten Bussen angepasst. Was mich besonders berührte, war das Verhalten eines Busfahrer einer Linie. Zwischen letzter Stunde und Busabfahrt waren nur wenige Minuten. Ich schaffte es fast nie, den Bus wirklich pünktlich zu erreichen, aber der Bus fuhr immer erst ab, wenn ich eingestiegen war. Wochen später fing ein leicht angetrunkener Wismut Kumpel an, den Busfahrer zu belegen, dass er immer 10 Minuten und mehr vor der Schule warten müsse, bis „der“ eingestiegen sei. Er sei hier verantwortlich, er entscheide, wann weiter gefahren würde, antwortete der Fahrer des Busses. Irgendwann fragte ich ihn, warum er das tue, warten? Von seiner Tochter, meiner Schülerin, habe er gehört, was mir widerfahren sei und da wollte er etwas helfen.

*Neue Vorwürfe

Ein halbes Jahr an der neuen Schule, ich hatte mich in die Fahrerei dreingefunden, brach es noch einmal komplett über mich ein. Schulrat, Parteifunktionäre u.a. Personen der Bezirksleitung der SED saßen noch einmal zu Gericht über mich. Was war geschehen? Ich hatte die holländischen Freunde telefonisch über das informiert, was mir zugestoßen war.

Einige Tage später fand in Groningen/Holland eine Schulkonferenz der Region statt. Mein Bekannter bat dort ums Wort und schilderte dem Auditorium, was ich erdulden musste. Große Empörung! Man verabredete, alle Materialien, die aus der DDR geliefert werden, abzubestellen. Was mir nicht bekannt war, aus DDR Verlagen, besonders aus Dresden, wurden gut gemachte Hochglanzbroschüren kostenlos an Schulen in Holland geliefert. Diese Broschüren wurden häufig im Deutschunterricht u.a. Fächern der Schulen eingesetzt. Dem Dresdner Verlag fielen nach den vielen Kündigungen die Kunden weg und es wurde auch dargelegt warum abbestellt wurde. Nun sollte das verantwortungslose Element, also ich, noch einmal zur Rechenschaft gezogen werden, alles sollte ich wieder in Ordnung bringen. Nach wütenden Beschimpfungen kam ich mal zu Wort und fragte: „Wie soll ich das in Ordnung bringen?“ Allseitig betretenes Schweigen …

Schüler um 1985

Die nächsten Jahre nach 1982 quälten sich so dahin. 1985 durfte ich als Lehrer an meine alte Schule zurück … Der Leser dieser Zeilen kann sich ohne Kommentar selbst ein Bild machen von der Situation der Vorwendezeit – kein Einzelfall!

30 Jahre nach der Wende 1989 – 30 Jahre WESTEN – ein ganz persönlicher Rückblick, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse


(1) Einige Gedanken vorab zu „30 Jahre nach der Wende“

Zeit vergeht rasend schnell. 30 Jahre sind nach der Wende seit 1989 vergangen, als die DDR sich auflöste und zur Bundesrepublik wurde. Die „Neuen Länder“ wurde das Gebiet der ehemaligen DDR genannt und sie sind es bis heute geblieben …
Ereignisse der Zeit geraten schnell in Vergessenheit, auch ins Zwielicht oder verfälschen sich in der Erinnerung.

Die Aufarbeitung des Gesellschaftssystems DDR geriet weniger gut, lief oft ins Leere oder wurde parteipolitischen oder ideologischen Interessen untergeordnet. Die falschen Leute wurden mit der Aufarbeitung betraut, die falschen Themen ausgewählt und fast alles auf „Stasi“ reduziert. Selbst ernannte Widerstandskämpfer, Bürgerrechtler, Stasijäger u.a. bestimmten in 30 Jahren die Aufarbeitung einseitig. Heute neu in Auftrag gegebene Studien lassen in ihrer Thematik auch nach 30 Jahren erkennen, was geliefert werden soll. Finanziell sind diese Studien gut ausgestattet.

Einige Zeitzeugen dominierten in den letzten 30 Jahren die gesamte einseitige Aufarbeitung. Die breite schweigende Masse in ihrer Befindlichkeit, ihren Erinnerungen blieb im wesentlichen außen vor. Die Aussagen vieler „Berufsaufarbeiter“ waren vom Hass auf das DDR System getrübt, hatten die DDR nie bewusst erlebt oder kamen aus dem Westen und wussten alles schon vorher. Durch die Begrenzung auf die „Staatssicherheit“ (Stasi) wurden weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausgeblendet und Wechselwirkungen, Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Lebensbereichen der DDR Gesellschaft negiert. Gewonnene Erkenntnisse, die negativ oder auch positiv für eine weitere Gesellschaftsentwicklung hätten bedeutsam sein können, waren wohl nicht gewünscht oder erwartet worden. Das alles wird erst möglich sein, wenn Zeitzeugen verschwunden sind und auch diejenigen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen vorgeben für alle zu sprechen und bestimmen, wie alles zu sehen war und ist. Die gesamte Breite der Aufarbeitung wurde immer wieder eingekürzt.

Erst in 10 – 20 Jahren wird es neuen „Aufarbeitern“ gelingen, ein ganzheitliches Bild der historischen DDR zu entwerfen. Neue Generationen von Wissenschaftlern werden Unterlagen neu und unbeeinflusst von der Zeit und politischen Absichten sichten und bewerten, alles neu aufarbeiten und zu wissenschaftlich exakten Erkenntnissen gelangen.

Das Experiment DDR ist gründlich schief gegangen. Das ist wohl unstrittig. Es reichte nicht, bei den Erkenntnissen von Karl Marx mal genascht und ausgewählt zu haben, was in den Kram passte, um eine soziale und gerechtere Gesellschaft zu etablieren. Übrig geblieben ist die Einsicht, dass ohne Steigerung der Arbeitsproduktivität und der Einbeziehung der Kreativität aller Bewohner in Freiheit, auch die beste Ideologie kein Überleben eines Systems sichern kann.

Die Überlegenheit des kapitalistischen Systems BRD bestand darin, den größten Teil der Gewinne wieder zu investieren, um noch höhere Profite zu erwirtschaften. Große Teile der Bevölkerung profitierten davon.

In der DDR wurden sehr große Teile der erwirtschafteten Gewinne für soziale Zwecke von der Wiege bis zur Bahre verteilt; investiert wurde immer weniger. Es musste ja verteilt werden, um den Bewohnern die Überlegenheit des Sozialismus zu vorzugaukeln. Da ist die Pleite immer sehr nahe und die Diktatur des Proletariats war auch keine Lösung. Allerdings, das Problem ist vielfach komplizierter als hier angedeutet.

Die Altvorderen konnten auf einen Gesellschaftsentwurf, den Marx erdacht hatte, zurück greifen. Marx hatte Überlegungen der historischen Vordenker seiner Zeit angepasst und gebündelte. Heute gibt es nirgendwo auf der Welt einen ernst zu nehmenden Entwurf einer zukünftigen Gesellschaft, der schlüssig wäre. Das gegenwärtig existierende Modell Kapitalismus ist Auslaufmodell und wird sich selbst zerstören … Was dann?

Diese kurzen Vorüberlegungen sollen deutlich machen, wie kompliziert gesellschaftliche Konzepte laufen, weil positive und negative Strömungen sich nur im unteren Mittelmaß realisieren. Ganz selten gelingt das Gewollte, hatte Friedrich Engels schon herausgefunden!

Der Versuch, eine gerechtere Gesellschaftsordnung zu etablieren ist gründlich schief gegangen. Das Projekt DDR konnte einfach nicht funktionieren und das wurde überdeutlich, als die BRD in den 70er Jahren mit Tempo ökonomisch vorbei zog. Investiert wurde immer weniger in der DDR. Anfang der 80er Jahre war das den meisten DDR-Bürgern klar – Mangel überall – und das erklärt auch, warum der Übergang relativ friedlich verlief. Zu verteidigen gab es nichts mehr. Alle Funktionäre von Partei und Staat wussten das besser als die breite Masse. Darum gab es auch keine Schießbefehle und bürgerkriegsähnlichen Zustände.

Diese Widersprüchlichkeit möchte ich mit Episoden aus „30 Jahre Wende“ mit ganz individuellen Erlebnissen und Beobachtungen belegen in den folgenden Blogs.

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