30 Jahre nach der Wende – 30 Jahre Westen

(13) Rückblick und Vorschau – eine Besichtigung der Zeit

Eine Besichtigung der 30 Jahre nach der Wende zeigt positive und negative Ereignisse. 30 Jahre sind mehr als ein Drittel eines Menschenlebens!
Sollte der geneigte Leser diese Textzeilen als erstes zu Gesicht bekommen, müsste er vorab die Abschnitte 1 – 13 lesen, indem er diese WWW-Seite hoch scrollt.

*Der Blick zurück

Schaut man ausgehend vom Wendejahr 1989 auf heute, kommen viele Gründe zum Vorschein, die eine weitere Annäherung von Ost und West immer noch verhindern. Bessere Umfrageergebnisse zur Annäherung wird es erst geben, wenn auch die letzten „gelernten“ DDR Bürger das Zeitliche gesegnet haben. Diese Zeit ist nicht mehr so fern.
Zu tiefst wurden die Beschädigungen und das unverdient Unrecht nach der Wende empfunden. Innerhalb kürzester Zeit brach alles ein, wofür DDR Bürger gelebt hatten. Zu allem Überfluss drängten sich dann auch noch diejenigen in den Vordergrund, die ihnen erklärten, wie unwürdig alles Bisherige war, wie unbedeutend in Leben.
Arbeitslosigkeit, der Verlust aller bisherigen Werte, Existenzängste und und viele anderen Befindlichkeiten verhindern bis heute ein weiteres aufeinander zugehe. Übrig geblieben von ihrem Leben ist der „Grüne Abbiegepfeil“ und das „Ampelmännchen“. Die Treuhand hat mit der Verschleuderung des Volksvermögens, also ihrem Vermögen, einen großen Anteil an der gegenwärtigen Situation. Die neuen Freiheiten wurden eher bedrohlich als befreiend empfunden. Das neue Format der westlichen Werte verunsichert noch immer bis heute.

*30 Jahre Schule nach der Wende

Meine 30 Jahre danach hatten es auch in sich.
Arbeit, Wohnung, Leben – alles lief einfach weiter. Neugierde auf das Neue war auch da. Meine Aktivitäten im Bereich der Bildung und der Suche nach Neuem führte ich einfach fort und versuchte mir und vielen anderen Kollegen die neu Situation zu verdeutlichen, zu erklären und sie dabei mitzunehmen.
Am Anfang war alles neu, interessant. Der Kreativität waren kaum Grenzen gesetzt in der Umbruchzeit. Vieles, was bisher in unserer Schule als richtig gesehen wurde, landete im Mülleimer. Das neue westliche Schulsystem kam Schritt für Schritt über uns mit dem Muff der Kaiserzeit, der Reformpädagogik der 20er Jahre, dem Gedankengut der 68er.
Eher zeitgemäße Ansatzpunkte des DDR Schulsystems wurden bewusst nicht genutzt. Länder, die diese Struktur übernommen und weiter entwickelt haben, zeigen in weltweiten Vergleichen von Schülerleistungen die besten Ergebnisse bei PISA. Jetzt verstanden wir erst Kollegen aus den alten Bundesländern, die gewarnt hatten in der Umbruchzeit, dass wir aufpassen sollten, damit nicht alles zerstört wird, was zukunftsweisend war in DDR Schule.
Nach 10 – 15 Jahren Wende war dann die Luft raus und die Vereinigung schleppt sich bis heute im Schneckengang weiter.
Was viele normale DDR Bürger bis heute abstößt, ist die alleinige Macht des Geldes. Alles basiert auf Profit. Geld und Gewinnstreben überschatten das Soziale in der Marktwirtschaft. Man lebt um zu arbeiten und zu konsumieren, damit der Kreislauf weiter gesteigert werden kann. Von Zukunftsvisionen ist keine Spur in Politik vorhanden. Natürlich, daran sind die Lobbyisten auch nicht interessiert. Nach jeder Wahl ändert sich die Richtung im Minimalbereich. Bedeutendes geschieht nicht.

*Politik ohne Zukunftsvisionen

Zukunftsvisionen auf allen gesellschaftlichen Ebenen fehlen, besonders im Bereich Bildung. Es reicht nicht aus, Atom – und Kohlekraftwerke abschalten zu wollen als undurchdachtes Zukunftsversprechen. Bildungsperspektiven sollten in die gesellschaftliche Diskussion eingebracht werden. Was da für die nächsten Jahrzehnte geplant wird, müssen diejenigen umsetzen, die noch gar nicht geboren sind. Die müssen Konzepte entwickeln für etwas, was wir heute nicht einmal ahnen können. Schule und Lernen werden andere Dimensionen erreichen.
Visualisierte Texte greifen immer stärker in unser heutiges Leben ein; über Buchstaben codierte Inhalte werden stärker überlagert in der gesellschaftlichen Kommunikation. Um die immer stärker auflaufende Wissensflut in Zukunft zu bewältigen, muss sie interpretiert und in Zusammenhänge gestellt werden können. Das bedeutet, methodisches, konzeptionelles, systematische Wissen zu erwerben im engen Bündnis mit der Digitalisierung. Denken wir darüber nach?
Aus einem unerfindlichen Grund scheint das aber keine Option für die Politik zu sein. Alles läuft althergebracht weiter in kleinstaatlicher Zersplitterung mit mehr als 2000 Lehrplänen, einer immer größer werdenden Anzahl von Schulformen und Schulträgern, unterschiedlichsten Lernforderungen, Schulfächern, Prüfungsinhalten u.a.m.
Die Differenzierung unter dem Deckmantel von Freiheit schreitet weiter unkontrolliert voran und der Staat tritt ständig weitere Bereiche an andere Schulträger ab. Bildung wird wieder zur Geldsache in den Privatschulen und der Staat verwaltet dann nur noch die Restschulen.
Im Bildungsbereich und vielen Kultusministerien haben sich in Jahrzehnten, seit der Zeit der 68er, immer mehr grünlich getupfte Menschenfreunde angesammelt, die zu viel von der „Milch der Menschenliebe getrunken“ haben. Schule ist immer stärker zum Spaßfaktor, zur Unterhaltung ohne Anforderung und Disziplin verkommen. Dem Lernen soll immer stärker der Anschein von Disziplin, Pflicht, Anstrengung, Arbeit entzogen werden. Der Lehrer wird Unterhalter oder Kasper vor der Klasse; Schüler, Eltern, Gesellschaft arbeiten Probleme an ihm ab. Dieser Trend steht den Anforderungen des Arbeitslebens extrem gegenüber.

*Im Heute werden unsere Chancen für morgen verspielt

Jeder hat Schule besucht über viele Jahre, hat sie erlebt, geliebt, gehasst und manchmal aktiv an der Demontage des Pädagogen mitgearbeitet. Jetzt weiß er ganz genau, diesen Beruf will er nicht ergreifen. Ergebnis: wenig Bewerbungen für ein Studium Lehramt.
Irgendwie ist der Gedanke komplett abhanden gekommen, dass das Arbeitsleben ganz anders geartet ist, dass es harte Bandagen gibt und feste Arbeitsdisziplin, Ein- und Unterordnung, dass Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein erwartet werden. Schule bereitet nicht mehr für diesen Lebensbereich vor…
Immer mehr Lehrstellen der Auszubildenden bleiben unbesetzt oder werden nach kurzer Zeit gekündigt, weil ihnen die Anforderungen zu hoch erscheinen. Mehr Auszubildende aus asiatischen Regionen werden angeworben, die unseren Vorstellungen genügen. Unsere „harzen“, die anderen arbeiten! In aller Welt beneidet man uns um unser duales Berufsausbildungssystem, konnte ich immer wieder hören.
Eigentlich ist die Zukunft verspielt. Schon die alten Kulturen in Asien sind zu der Überzeugung gelangt: „Planst du für ein Jahr, säe Hirse. Planst du für 10 Jahre, pflanze Bäume. Planst du für 100 Jahre, erziehe Menschen!“
Schön wäre es, wenn Politik wenigstens über eine Wahlperiode hinaus schauen würde, denn wir haben nichts anderes unseren Wohlstand zu halten, als die Fähigkeiten und das Können der Menschen. Sicher, 10% der Einwohner reichen aus, den Staat zu führen, aber den Wohlstand in breiter Form sichert nur die breite Masse mit ihrem Wollen, ihrer Intelligenz.
Aber so ist das, der Schule fehlen die Lobbyisten. Mit Schule lässt sich aktuell kein Profit erzielen …

*Politik setzt auf biologische Lösung für das Zusammenwachsen von Ost/West

Eigentlich dachte ich vor 30 Jahren, dieses Land wird nie dein Land werden. Aber nun denke ich doch darüber nach, wie meine Kinder, Enkel, Urenkel die Zukunft erleben und im harten Wettbewerb weiter ihren Wohlstand sichern können.
Wenn ich so nachdenke, warum der Vereinigungsprozess Ost/West im Schneckengang verläuft und auf den biologischen Schwund der „gelernten“ DDR Bewohner setzt, freut es mich zu sehen, auch andere denken darüber nach.
In einem Spiegel Gespräch mit Herbert Grönemayer erläuterte der Sänger seinen Standpunkt zu diesem Problem (Der Spiegel Nr. 45/03.11.2018 ,S. 126):
„… Das alles ist schon 1990 entstanden. Aber wir haben nie richtig darüber gesprochen, dass sich zwei in meinen Augen komplett unterschiedliche Kulturen seit 28 Jahren versuchen sich zu vereinigen. Nicht Ost- und Westdeutsche, sondern eher wie Walonen und Flamen, so unterschiedlich sind diese Kulturen. Es wäre ehrlicher gewesen, mal zu fragen: Wie seht ihr die Dinge, was habt ihr für Erfahrungen? Einfach mal zuhören. Das haben wir aber nie gemacht. Wir haben die Menschen überrannt und aufgekauft. Niemand hat sich Gedanken gemacht, wie es ihnen geht in dieser neuen Struktur, in diesem kapitalistischen System. Alles, was sie gemacht haben, galt als Fehler. Sie waren generell eher unsicher in ihrer Identität, aber dennoch hatten sie etwas Eigenes geschaffen. Dieser Herausforderung müssen wir uns jetzt stellen.“
Das sagt kein verantwortlicher Politiker, sondern ein Sänger! Besser hätte ich das als Abschluss nicht ausdrücken können.
Sollte das immer noch nicht begriffen sein und der Focus weiter auf sehr laute ehemalige DDR Bürger gelegt werden, die aus unterschiedlichen Gründen Land und System gehasst haben und weiter ihre Sicht als allein gültig verbreiten, dann muss man wirklich auf die biologische Lösung zu „50 Jahre Wende“ warten …
Grönemayer hat sehr schön formuliert, was zu tun wäre: die Millionen Menschen, die DDR erlebt haben, mit ihren Erfahrungen, Wünschen, Lebensentwürfen zu Wort kommen lassen und anhören …

1989 die 10. Klasse abgeschlossen – 16 Jahre; Klassentreffen fast 30 Jahre später, jetzt 46 Jahre alt. Großer Spaß, der Gruß der Jungen Pioniere, denen alle angehört hatten, war nicht in Vergessenheit geraten … Lässt sich das deuten?
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30 Jahre nach der Wende 1989 – ein ganz persönlicher Rückblick: Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse

(12) Zeit vergeht. Die Schüler absolvieren die 11. Klasse, erreichen alle die Klasse 12 und das Abitur steht an.
Die Wende liegt jetzt im Januar 2002 13 Jahre zurück. Die Angleichung beider deutscher Staaten scheint zu laufen oder doch nicht?

*Rückerinnerung an die Ereignisse 1989 – Ansprechpartner für eine große Versicherung

Die Gedanken hangeln sich nochmal zurück, 13 Jahre, bist zur Wende 1989, der Zeit der kompletten persönlichen Verunsicherung. Als Lehrer und SED Mitglied war mit fristloser Entlassung zu rechnen. Das war damals, 1945, auch so. Alle Lehrer, die Mitglied der Nazipartei waren, wurden entlassen. Einige Revoluzzer wollten das auch 1989 durchsetzen, die Zeit hatte sich geändert und der Osten wäre ohne Lehrer gewesen, weil sehr viele SED Mitglied waren. Ersetzen hätte man sie nicht können mit Westimporten.
In dieser Verunsicherung war der Griff nach jedem Strohhalm überlebenswichtig. Große Versicherungen drängten auf den Markt und boten Stellen an. DDR Versicherungen mussten ersetzt werden. Als Vertrauensmann vor Ort, als Ansprechpartner und Berater wurde eine Stelle angenommen. Schulungen und Unterweisungen folgten und dann kam der Stichtag, an dem alle Kraftfahrzeuge eine West Versicherung erhalten mussten. Kamen vorher nur einige Kunden wegen neuer Verträge, drängte sich an einem Wochenende viele, ihre Kraftfahrzeuge neu zu versichern.
Sonnabend, Frühstück, es klingelt an der Wohnungstür. Blick nach draußen. Die Treppe runter und lang vor dem Haus steht eine Schlange von Wartenden. Was tun, wegschicken oder was organisieren? Vertragsformulare waren genug geliefert worden. Also, alle Schreibgeräte der Wohnung gesammelt, einig harte Unterlagen zum Schreiben und den ersten 5 Bewerbern erklärt, wie die neuen Verträge ausgefüllt werden müssen. DDR Bürger waren gelehrig und selbständig. Die ersten drei Bewerber füllten aus, kamen in die Wohnung zur Kontrolle ihrer Anträge und die anderen zeigten den Nachfolgenden auf der Treppe, welche Daten wo einzutragen waren. Bis Mittag war die Schlange abgearbeitet. Die Verträge häuften sich. Viel Geld war verdient worden. Der Ärger kam erst später, mit dem Finanzamt. Dass diese Tätigkeit 25 Jahre außerhalb der Arbeitszeit andauern sollte, konnte ich mir nach der Wende nicht vorstellen.

2002 letzter Schultag – Verabschiedung durch Kollegen und Schüler

*Beteiligung an der Wende in der Schule

Ist man mal bei den Erinnerungen, denkt man auch an andere Ereignisse.
Seit Anfang 1970 wurde immer mal ein Artikel unaufgefordert für die „Deutsche Lehrerzeitung“ geschrieben zum Thema Deutschunterricht und pädagogisch/didaktische Anforderungen der Gegenwart. Später wurde die Texte immer länger, manchmal eine ganze Zeitungsseite. Die Texte hoben sich ab von dem Geschwafel zur Erziehung „Sozialistischer Persönlichkeiten“, waren unkonventionell, sachbezogen. Das passte der vorgesetzten Dienststelle überhaupt nicht. Später wurden noch einige „Pädagogische Lesungen“ zur gleichen Thematik erarbeitet. An der letzten „Muttersprache“ beim Verlag „Volk und Wissen“ 1986 hatte ich auch einen geringen Anteil.
Während der Delegierung nach Rheinland-Pfalz, zu lernen, wie Studienseminar in Thüringen aufzubauen sind, musste auch teure Fachliteratur erworben werden. Beim Lesen eines Standardwerkes stutzte ich. Da stand etwas, was ich schon einmal gelesen hatte. Fußnote unten, hinten bei den Literaturangaben nachgeschaut und tatsächlich, das Zitat war von mir. Hätte ich nicht gedacht, das meine Ideen auch im Westen Beachtung fanden!
Ein großer Schulbuchverlag trat an mich heran mit dem Vorschlag, gemeinsam ein Arbeitsmaterial für Lehrer zu erarbeiten zur Unterrichtsarbeit mit Kurztexten. Nach einem Jahr waren die Handreichungen: Folien, Grafiken, Arbeitsblätter u.a. fertig. Trotz des hohen Preises von fast 100 DM verkaufte sich das Material deutschlandweit gut. Ärger hatte ich dann aber wieder mit dem Finanzamt.
Im letzten Arbeitsjahr 2001 musste dann mal in der 5. Klasse eine Kollegin für zwei Wochen vertreten werden. Die letzten Jahre hatte ich ausschließlich Deutsch und Kunst in den Klassenstufen 11 und 12 unterrichtet.
Da war ich aber verblüfft und dachte, wie anders sind die doch in den 5. Klassen heute: lesen – problematisch, Verhalten – sehr individuell: ich, ich, ich. Viele kleine Prinzen und Prinzessinnen saßen da vor mir, Einzelkinder! Die allgemeinen Kenntnisse bedauernswert; Normen, Gewohnheiten, Anstrengungsbereitschaft gering entwickelt. Gleich in der zweiten Stunde drohte mir eine Schülerin in der Klasse 5, sie wollte besser bewertet werden: „Sie werden schon sehen, was sie davon haben. Morgen kommt meine Mutti und die bringt unseren Rechtsanwalt mit!“ Die „Breitreifenneureichen“ hatten sich auch hier etabliert, wie Kollegen in Rheinland-Pfalz Jahre früher vorausgesagt hatten. Nach 2 Wochen Vertretung war ich froh, in den Klassen 11 und 12 weiter unterrichten zu dürfen. Diese Schüler der 5. Klasse hatten keine DDR Schule mehr erlebt. Kollegen hatten schon vorher gewarnt!!!

2002 – Verabschiedung der ersten Kollegen in die Rente in der Turnhalle; spezielle Liedtexte hatten die Schüler erst kurz vorher für den Abschiedsgesang erhalten!

*Noch wenige Monate bis zum Renteneintritt

Der Rentenbescheid war eingetroffen. Etwa 800 DM weniger waren es, als Kollegen der alten Bundesländern erhielten bei gleichen Dienstjahren und vergleichbarer Ausbildung.
Erstaunlich aber war der Eintrag in der Rentenberechnung: 45 Dienstjahre – Krankschreibung in dieser Zeit 4 Wochen. In den maschinell erstellten Rentendokumenten hatte hinter den Fehltagen jemand ein Ausrufezeichen mit Kugelschreiber gesetzt.
Diese geringe Anzahl von Fehltagen sollten im letzten Arbeitsjahr aufgestockt werden.

Während eines Telefonats mit einem Schüler waren da plötzlich irre Kopfschmerzen; der Schädel schien zu bersten. Versuche, die Rettung zu erreichen scheiterten daran, dass das Sprachzentrum nicht mehr funktionierte. SOS auf die Sprechmuschel geklopft, der Telefonanschluss wurde geortet: Notarzt, Notaufnahme, Hubschrauberflug an die Universitätsklinik Jena, 7 Stunden Operation durch zwei junge Ärzte, die Nachtdienst hatten und eine so komplizierte Operation noch nie allein bewältigt hatten.
Erwachen dann nach zwei Tagen. Um das Bett standen Studenten mit ihrem Professor und die zwei Operateure. Nach den ersten Tests waren die zwei jungen Ärzte ganz aus dem Häuschen. Sie hatten es geschafft, denn von 100 mit einem Aneurysma überleben 4 – 5 den Transport, aber nur zwei wissen dann noch von ihrem Dasein, wurde mir später gesagt.
Am zweiten Tag waren meine Schüler aus dem Leistungskurs 12. Klasse am Fenster der Intensivstation zu sehen. Sie ließen sich nicht abweisen und wurden dann doch eingekleidet und für 5 Minuten vorgelassen. Jeden Tag kamen am Vormittag 4-5 andere Schüler mit dem Auto, um nach mir zu sehen. Immerhin waren 50 Kilometer zu fahren. Mein Ansehen stieg gewaltig auf der Station. Ein Oberarzt fragte mich dann, was ich mit den Schülern angestellt hätte, dass immer andere zu Besuch kämen. Er meinte, ihm wäre nie der Gedanke gekommen, seine Lehrer im Krankenhaus zu besuchen.
Der verantwortliche Professor führte die Abschlussuntersuchung durch und sprach von Invalidisierung. Auf meine Bitte, mich doch bis zu meinem Renteneintritt in drei Monaten gesund zu schreiben, sah er mich an, als hätte er es mit einem Irren zu tun. Ich erklärte, dass ich beim Abitur meiner Schüler dabei sein müsse. Er fragte, ob ich der sei, den immer wieder 18jährige Schüler besucht hätten? Nach längerem Gespräch ließ er sich erweichen, gab viele Verhaltensmaßregeln mit auf den Weg. Aber erst nach der REHA!

*Entlassung in den Ruhestand

Meine letzte Abiturklasse verließ die Schule. Alle hatten bestanden. Der Stellvertreter und ich meldeten uns in den Ruhestand ab. Wir erlebten eine Verabschiedung, wie es sie nie wieder gegen hat an der Einrichtung. Insgeheim war ein großes Programm durch Kollegen und Schüler vorbereitet worden, sehr tränentreibend. Am Ende verabschiedete sich jeder Kollege per Handschlag. Den Schülern hat niemand gesagt, dass das nur für die Lehrer galt. Alle 600 stellten sich an, um die gleiche Prozedur zu vollziehen. Das dauerte. Die Zeugnisse waren noch nicht ausgegeben und die Schulbusse warteten. Großes Durcheinander! Sehr Bewegend waren die Abschiedsworte eines Jungen aus der 5. Klasse. Er überbrachte zum letzten Arbeitstag Grüße seiner Oma und der Mutti, die auch mal bei mir gelernt hätten.

*Viel freie Zeit – Aktivitäten für die Schule

Zwei weitere Jahre übernahm ich noch eine Gruppe bildnerisches Gestalten am Gymnasium. In dieser Zeit war zu sehen, dass viele eigenartige Anweisungen des Kultusministerium zu erfüllen waren.
Viele Reisen wurden unternommen in alle Teile der Welt und die Mitreisenden kamen fast ausschließlich aus den alten Bundesländern. Immer wieder wurde nachgefragt, wie das bei uns wirklich so gelaufen sei im Osten. Ganz wenige von den vielen Reisebekanntschaften waren nach mehr als 15 Jahren schon einmal im Osten. Alle meine Freunde und Bekannten sind oft gen Westen gereist, um Land und Leute kennenzulernen.

2018 – erstes Treffen mit ehemaligen Schülern nach 18 Jahren; viele sind zu dem Klassentreffen erschienen, hatten ihren Platz im Leben gefunden …

Wie füllt man seine Zeit als Rentner, wenn man nicht gerade verreist? Als Lehrer lässt man sich auf das gut organisierte Nachhilfegeschäft ein im Fach Deutsch. Schüler und Eltern, die Bedenken hatten, dass ihre Kinder das Abitur nicht schaffen, gaben viel Geld aus für Nachhilfe. Der Unterrichtende bekam 7.20 € für die Stunde, weniger als Harz IV, was nicht einmal das Fahrgeld deckte.
Immer haben alle meine Nachhilfeschüler die Abiturprüfung bestanden und z.T. erheblich besser als erwartet. Die Geldanlage der Eltern hatten sich gelohnt.
Die Schüler im Nachhilfeunterricht kamen aus vielen Gymnasien und ließen erkennen, an den meisten Schulen ändert sich wenig bis nichts. Alte Unterrichtsabläufe, die zu DDR Zeiten schon als überholt galten, wurden immer noch praktiziert, moderne Analyseformen zu Textanalyse – Textproduktion, Fehlanzeige!
Neue Lehrbücher wurden jährlich gekauft an den Schulen. Mit alten wurde oft noch gearbeitet. Viele Kollegen schienen nie eine Fortbildung in ihrem Fach irgendwo besucht zu haben. Kontrollen zur Fortbildung schien es auch weiter nicht zu geben. Die Schüler konnten einem leid tun. Kandidaten zur Nachhilfe Deutsch standen bald nicht mehr zur Verfügung, nachdem es die Möglichkeit gab, Deutsch bei der Abiturprüfung abzuwählen.

2018 – Klassentreffen nach 18 Jahren, auch Lehrer sind gealtert oder schon in Rente …

*Stagnation im 15. Wendejahr

Zum 15. Wendejahr schien die Annäherung Ost – West zu stagnieren und begann wieder rückwärts zu laufen. Im Bereich Schule ließ sich das nach 45 Arbeitsjahren in diesem Bereich gut verfolgen. Aber das traf auf viele Bereiche zu: keine Annäherung bei Löhnen und Renten mehr, Probleme im Gesundheitswesen und bei der Pflege, Probleme bei der Polizei.
In die Zeit nach dem aktiven Arbeitsleben fiel gab es um das Jahr 2000 eine Untersuchung zu Schulen im internationalen Vergleich. Nun zeigte sich, wo Deutschlands Schulen stehen: unteres Mittelfeld, auf Höhe der Entwicklungsländer, besonders im Bereich Deutsch – Lesen/Verstehen.
Eine Arbeitsgruppe wurde vom Kultusministerium ins Leben gerufen. Viele Handreichungen wurden in der Gruppe erarbeitet und im Internet veröffentlicht. Die Wirkung war aber gering. Weiterbildungskanäle waren wenig ausgebildet oder aber verstopft.
Neben der Arbeit im Nachhilfeverein bot ein Institut, das Einzelunterricht im Elternhaus vermittelt, an, eine Schülerin der 11 Klasse für Deutsch zu betreuen bis zum Abitur. Die Eltern konnten sich das finanziell leisten.
Das Mädchen lag in allen Fächern unter der Note 3. Eine Überprüfung im Internet ergab aber, dass sie als Schwimmerin viele Medaillen erworben hat und zwei Kindergruppen in Schwimmen trainiert.
Zwei Jahre lang trafen wir uns immer am Sonnabend, um den ganzen Deutschbereich zu bearbeiten. Texte, Arbeitsverfahren, Analyseschritte wurden vermittelt und geübt. Noch vor Weihnachten zeigte sie mir freudestrahlend ihren Erörterungsaufsatz mit der Note 2. Dann im Januar hatte sie in Mathe eine glatte 1 mit 15 Punkten erreicht. Auch in weiteren Fächern stiegen die Unterrichtsergebnisse beträchtlich. Sie behauptete dann, das läge an mir. Mein Argument, dass wir über Mathe und andere Fächer nie gesprochen hätten, ließ sie nicht gelten. Sie meinte, durch unser analytisches Arbeiten in Deutsch hätte sie gelernt, mit Aufgabenstellungen umzugehen. Sie hätte kein Angst mehr vor den Fragestellungen und würde nicht mehr hektisch an der Lösung arbeiten. Jetzt sei es so, dass sie die Aufgabe Wort für Wort analysiere, überlege, welche Kenntnisse/Kenntnissysteme vorhanden sind, welche Beziehungen bestehen und nun würde sie gedanklich einen Lösungsplan entwerfen für die Aufgabenstellung. Das klappte!
Am Ende der 11. Klasse hatte sie nur noch wenige Fächer mit Zensuren unter Note zwei. Am Ende der 12. Klasse bestanden alle Zensuren aus der Note 1, das besten Abschlussergebnis unter 80 Abiturienten des Jahrgangs. Ihrem Lebenswunsch, Landärztin zu werden, stand nichts mehr im Wege. Sie ist Landärztin geworden!
An diesem Mädchen und auch vielen anderen ist zu sehen, dass vieles zu erreichen ist, wenn Lernen Spaß macht, ein Ziel vorhanden ist und Forderungen gestellt werden, die der Zeit angepasst sind. In 45 Dienstjahren hat durch mich nie ein Schüler das Klassenziel nicht erreicht
Vielfältig blieben die Kontakte zu den ehemaligen Schülern. 85 blieben Facebook-Freunde bis heute und immer wieder wurde zu Klassentreffen eingeladen. Sehr viele hatten nach dem Abitur ihre Hochschulausbildung erfolgreich abgeschlossen und sich eingereiht in das gesellschaftliche Leben. Manche verdienten sehr gut.

2018 Erinnerungsfoto in der neuen Aula; Klassentreffen nach 18 Jahren …

Bis zum 76. Lebensjahr waren Kontakte zu Schule und Schüler noch unmittelbar. Danach blieben die Infos der Medien zur Schulpolitik und Meinungen noch unterrichtender Kollegen übrig, um sich ein Bild zu machen.
Insgesamt ist zu sehen, es läuft nicht gut mit Schule und Zukunft der Gesellschaft. Schule spielt weiter eine untergeordnete Rolle, ist Stiefkind der Politik, obwohl dort die Zukunft vorbereitet wird. Wer, wenn nicht gut ausgebildete Leute werden die Probleme der Zukunft lösen, Probleme, von denen wir heute noch gar nicht wissen?

30 Jahre nach der Wende – 30 Jahre WESTEN -1989 bis 2019; ein ganz persönlicher Rückblick, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse

(11) Unterrichtsarbeit mit Schülern, die bereit waren, unkonventionell zu lernen

Mit den neuen Lehrplänen für die Abiturstufe sollten im Leistungskurs auch journalistische Tätigkeiten vermittelt und geübt werden. Die Entscheidung fiel auf Mac Donalds. Ein neues großes Gebäude war in der Nähe entstanden und eröffnet worden. Über Mac Donalds war so richtig im Osten nichts bekannt. Hier konnte journalistische Arbeit ansetzen.

Aufstieg zum Brocken von Torfhaus aus. Viel abgestorbener Wald begleitete den Aufstieg. Zwei Schülerinnen schleppten eine große Videokamera und ein schweres Stativ auf der Wanderung mit. das Video lief mehrmals im örtlichen Fernsehkanal.

*Pressekonferenz mit „Mac Donalds“ 1996

Der neue Chef von Mac Donald in der Stadt war Studienrat Deutsch in Hannover gewesen und hatte die Firma gewechselt. Von unserer Idee war er begeistert.
Die Schüler recherchierten im Internet zur Geschichte Mac Donalds und zur Geschäftsidee. Ein Fragenkatalog wurde zusammengestellt. Der Chef des örtlichen Unternehmens hatte Mitarbeiter der übergeordneten Einrichtung gewonnen und lud ein zur Pressekonferenz. Es konnten alle Fragen gestellt werden, auch kritische und provokatorische. Sachlich erfolgten die Antworten. Anschließend gab es einen Rundgang und Gespräche mit den Mitarbeitern und Kunden. Am Ende wurden die Schüler eingeladen. „Esst, trinkt so viel ihr rein bekommt, probiert unsere Produkte!“ Die Augen waren wesentlich größer als der Magen! Die entstandenen Texte wurden mit dem Computer geschrieben und entschieden, welcher Text in der örtlichen Presse veröffentlicht wird.

Am Morgen wurde die „Harzreise“ mit einem Bus aus Göttingen angetreten. Alles war organisiert worden durch die Kursteilnehmer.

*Thematik einer Seminararbeit: Märchen und historische Realität – 1998

Einen Leistungskurs später sollte eine Thematik für eine Seminararbeit gefunden werden. Von dieser thematischen Basis sollten dann spezielle Einzelthemen hergeleitet werden. Eine Schülerin schlug vor, sich näher mit Märchen zu beschäftigen. Große Heiterkeit – 17 Jahre und Märchen!?
Einige Tage Nachdenken und die Idee reifte. Aus der Thematik Märchenschatz – historische Realität lassen sich viele Einzelthemen ableiten befanden die Schüler: Rechtsauffassung in den Märchen, Strafen, Leben der Herrschenden und des Volkes, Wälder und Reisen in der Märchenzeit, Geld, Handel, Konsum u.a. 17 Einzelthemen konnten herausgelöst werden.
Die Basis der Untersuchung sollten 40 – 50 Märchen sein, die man gelesen haben musste um das gewähltes Thema bearbeiten zu können mit wissenschaftlichen Arbeitsmethoden.
Ein Schüler wollte sich viel Arbeit ersparen, hatte im Internet gesucht und einen Experten gefunden, der in diesem Bereich mehrere Bücher veröffentlicht hatte. Per E-Mail fragte der Schüler an, um Hilfe zu seinem Thema zu erhalten.
Der Professor an einer Universität antwortete, er werde mal vorbei kommen. So richtig glaubte keiner daran, aber dann klopfte es an der Klassentür, der Professor war wirklich gekommen, stellte sich vor und dann den Fragen der Schüler. Zwei Tage blieb er und in Gruppen oder einzeln erfolgten Konsultationen. Die Schüler hatten alles, was sie brauchten und Hinweise zu viel Sekundärliteratur.
Nach den Gründen gefragt, sagte mir der Germanist, er wäre noch nie im Osten gewesen, hätte keinerlei Vorstellung vom Leben der Menschen hier gehabt und wollte mal sehen, wie Schule hier im Osten so funktioniere.
Die Seminararbeiten wurden geschrieben und alle Einzelbeiträge auf der Homepage der Schule ins Internet gestellt.
Eine Schülerin, die Jura studieren wollte, hatte in diesem Zusammenhang große Teile des „Sachsenspiegel“, dem juristischen Standardwerk des Mittelalters, durchgearbeitet, mit Rechtsauffassungen in den Märchen in Beziehung gesetzt und eine Arbeit abgeliefert, die weit über dem Anforderungsniveau einer Seminararbeit lag.
Ziel war es, die Märchentexte als kulturhistorische Dokumente den Schülern näher zu bringen. Das Anliegen ging aber doch nach hinten los. Eigentlich sollten die Arbeit an der Thematik Märchen die Großtat der Gebrüder Grimm für die deutsche Sprache verdeutlichen. Dabei stellte sich aber heraus, dass diese selbst höchstens 10 Märchen geschrieben hatten. Auch erzählt von alten Frauen wurden ihnen die Märchen nicht. Das war eine Legende, um den Absatz ihrer vielen veröffentlichen Märchenbücher zu steigern. Die Grimms haben einfach vorhandene uralte Märchen aus Italien und Frankreich übernommen, umgeschrieben und der Zeit und ihrer Auffassung von Erziehung angepasst. Die Texte wurden entschärft, zu mehr als 80% verändert, wie Vergleiche mit den Originalen zeigten. Die veröffentlichten Märchenbücher in immer neuen veränderten Ausgaben hatten das Lebensprojekt der Grimms finanziert: das „Deutsche Wörterbuch“. Gelernt hatten die Schüler trotzdem, wissenschaftliche Arbeit bedeutet, alles ist zu hinterfragen und viel Sekundärliteratur muss studiert werden, auch wenn das Gewollte nicht erreicht wird …
Der Professor aus dem Westen hatte großen Anteil an den erworbenen Einsichten der Schüler.
Vieles war in den ersten 10 Jahren nach der Wende möglich, der gesamtgesellschaftliche Aufbruch dauerte noch an, wie diese 2 Beispiele beweisen.

Am Mittag war der Brocken erreicht und ein Gruppenbild vor dem alten Wetterhäuschen stand an.

*Auf Heinrich Heines Spuren während seiner Harzreise – 2001

Ein weiteres Jahr, ein neuer Jahrgang und ein Leistungskurs später wäre wieder über ein Ereignis zu berichten, das ganz typisch für 11 Jahre nach der Wende in der West-Ost-Befindlichkeit war.
Deutschunterricht: über unterschiedliche literarische Formate wird gesprochen. Dabei taucht auch die Sonderform „Reisebilder“ auf, eine Erfindung Heinrich Heines. Naturschilderungen werden mit dem Leben einfacher Menschen verwoben und mit kritischen, satirischen Bemerkungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen verknüpft. Als Beispiel wurde Heines „Die Harzreise“ bearbeitet. Den Schülern gefiel Heines Text und ein Mädchen meinte, das müsste man auch einmal machen, wandern und beobachten wie Heine. „Wie das alles wohl heute so wäre?“ Am nächsten Tag dachte ich an diese Bemerkung schon nicht mehr, aber nun waren es mehrere Kursteilnehmer, die diesen Gedanken weiterführten: „Wollen wir daraus nicht ein Projekt machen, den Weg nachwandern und die Reisestationen Heines besuchen?“
Leistungskurs 11. Klasse, alle waren dafür, aber als Bedingung wurde festgelegt, alles wird in Arbeitsgruppen ganz selbständig organisiert.
Arbeitsgruppen wurden gebildet: Heines Wanderstationen – Göttingen, Osterode, Goslar, Brockenbesteigung; die Finanzierung des Projektes; Unterbringung, Verpflegung, Busbestellung; Kontaktaufnahme mit der Universität in Göttingen und der Universitätsbibliothek zur Bestellung der Literatur, die Heine für seine Harzreise vorher gelesen hatte. Stadtarchive, Heimatvereine, Burschenschaft, der Heine angehört hatte, mussten kontaktiert werden. Da waren viele Arbeitsgruppen nötig!
Wöchentlich berichteten die Arbeitsgruppen über den Stand der Dinge.
Die Voraussetzung für das gesamte Vorhaben, musste gesichert werden. Der errechnete Betrag für jeden Schüler war zu hoch. Kleine Beträge von 20 – 50 DM bei Handwerkern, Gewerbetreibenden u.a. zu sammeln, wäre zu wenig, größere Sponsoren müssen gefunden werden. Die Deutsche Bank!?
Die Arbeitsgruppe wird vorstellig beim Filialleiter der hiesigen Bankfiliale. Der hört sich die Bitte nach Geld an, macht keine Hoffnung, da alle Bitten in letzter Zeit abgelehnt worden wären in Frankfurt. Er gibt aber doch die Antragsformulare heraus. Sorgfältig werden die ausgefüllt und eingereicht. Ein weiterer Antrag wird bei der Versicherung HUK-Coburg abgegeben. Warten!
Drei Tage später, Anruf der Filiale der Deutschen Bank, die Antragstellerinnen mögen vorbei kommen. Der Filialchef war ganz aufgekratzt, das Geld war bewilligt, aber wesentlich mehr als beantragt. Ein Schreibfehler!? Der Chef der Filiale hatte in Frankfurt nachgeforscht und erfahren. Einem Mitglied des Vorstandes sei der Antrag irgendwie in die Hände gefallen und der soll gesagt haben, dass er während seiner ganzen Schulzeit so etwas nicht erlebt habe, das müsse man fördern. Wenige Tage später überwies auch die HUK-Coburg den ganzen erbetenen Betrag mit einer ähnlichen Bemerkung. Für jeden Schüler waren jetzt nur noch 100,- DM zu zahlen. So etwas war in der Nachwendezeit möglich!
Eine Schülerin wollte nicht mitfahren. Gründe wollte sie nicht nennen. Nachforschung anderer Schüler ergaben: Mutter kurz vorher gestorben, Vater Arbeit verloren. Entscheidung der Schüler und Eltern des Kurses, das Mädchen fährt mit, wir bezahlen das …
Die Arbeitsgruppe für die Kontaktaufnahme hatte auch nur Positives zu vermelden. Überall fand der Wunsch nach Unterstützung freundliche Aufnahme: Universität Göttingen, Universitätsbibliothek, Heimatverein Osterode, Stadtarchive, Burschenschaften u.s.w. Termine wurden vereinbart und versprochen, Material um Heine und Harzreise bereitzustellen, denn Heine werde so oft nicht nachgefragt!
Ein Busunternehmer aus Göttingen stellte einen 20er Bus zur Verfügung und als er beim Vertagsabschluss verstanden hatte, was wir vorhaben, wurde es um einige hundert DM billiger.
Die Jugendherberge als Standquartier in Torfhaus war gebucht, die Universitätsbibliothek teilte mit, dass alle angeforderten Bücher, die Heine genutzt hatte für die Harzwanderung, beschafft worden wären und eine Überraschung sei dabei.
Der Busfahrer aus Göttingen, der die Klasse eine Woche fahren sollte, wurde, nachdem er er das Projekt verstanden hatte, Teil des Unternehmens. Er knobelte aus, wie wir Heines Spuren trotzdem folgen könnten, obwohl heute diese Wanderwege z.T. Bundesstraßen oder auch Autobahnen sind.
Die Arbeitsgruppe in der Unibibliothek bekam die bestellten Bücher vorgelegt, Originale, die Heine auch ausgeliehen hatte. Lesen war in der kurzen Zeit nicht möglich, Lesezeichen wurden eingelegt für Kopien. Das Kopiergeld wurde uns von der Universität erlassen. Ein Buch brachte ein Bibliothekar selbst vorbei. Das Buch stand irgendwo anders und wurde nach Heine nie wieder ausgeliehen – große Ehrfurcht, Heine hatte das Werk als letzter in der Hand …
Am Abend in der Jugendherberge wurden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen ausgewertet und die Erkenntnisse präsentiert. Das Belegungsbuch des Karzers der Uni konnte eingesehen werden. Der Name Heine tauchte immer wieder auf im Unigefängnis. Eine Schülerin meinte, der scheint dort gewohnt zu haben. Heine hatte mit allen stets Konflikte: mit den Kommilitonen, seinem Vermieter, mit Wirten, Professoren, Studentenbünden u.a.m. Heine führte also nicht nur eine spitze Feder, sondern war auch ein Mensch, der mit niemandem auskommen konnte. Da wurde wohl sein Lebenslauf erheblich begradigt, fanden einige Schüler.
Verwundert waren die Schüler über die Menge des Materials, das man ihnen präsentierte und die Zeit, die man ihnen widmete. Sie fragten natürlich nach dem Warum? Antwort: „Heine wird hier so oft nicht nachgefragt, im Osten bei euch war das sicher anders!“
Das gleich zeigte sich auch in Lehrbüchern der BRD. Heine kommt da so oft nicht vor. Im Dritten Reich tauchte er in Schulbüchern unter „Dichter unbekannt!“ auf. Die deutsche Bourgeoisie hatte wohl dem Heine seine spitze Feder nie verziehen und das hält weiter an. …
In Osterode hatte sich der Heimatverein umfassend vorbereitet. Das Hotel und das Zimmer, in dem Heine gewohnt hatte wird präsentiert, auch ein Zeitungsartikel aus der Zeit: „Heine in Osterode.“
Ein Bürger der Stadt schreibt von einer Begegnung mit Heine während der Harzwanderung. Er hatte ihn zufällig getroffen, ohne zu wissen, wer das war. Nach der Lektüre des „Reisebildes“ erkennt er sich wieder und schildert aus seiner Sicht die Begegnung mit Heine. Die Fragen, die Heine ihm gestellt hatte, erschienen dem Mann blödsinnig. „Er hatte wohl nicht alle Tassen im Schrank!“, formulierte er in dem Artikel der regionalen Zeitung. Am meisten wurmte den Bürger aus Osterode seine Beschreibung durch Heine: „… er sah aus, als hätte er die Viehseuche erfunden“, hatte Heine da formuliert.
Beim Besuch des Schaubergwerks in Clausthal-Zellerfeld wurden uns Heines Einträge ins Gästebuch des Grubeneinstiegs vorgelegt. Seine Mitreisenden damals hatten ihre Meinung dargelegt zum Bergwerkserlebnis, ganz normal. Heine dagegen schrieb konfuses Zeug ins Besucherbuch des Bergwerks. „Paßt zu ihm“, fanden einige Schüler.
Als Höhepunkt der Reise war die Überquerung des Brockens geplant. Heine hatte diesen Aufstieg gewählt, weil Goethe ihn einige Jahre vorher gewagt hatte, allerdings im Dezember. Etwa 7 Kilometer von Heines Weg zum Brocken begannen wir am frühen Morgen den Aufstieg von Torfhaus. Viel abgestorbener Wald begleitete uns auf der Westseite.
Oben las ich noch einmal aus Heines Text vor, um zu vergleichen, was auf dem Brocken noch an Heines Aufstieg erinnert. Nach dem die Schüler losgezogen waren, das zu ergründen, näherte sich ein Ehepaar, fragte, was ich den Schülern vorgelesen hätte. Am Dialekt hätten sie gemerkt, dass wir aus dem Osten wären.
Heine, „Harzreise“, das sagte ihnen nichts. Deutscher Dichter, das wäre alles, was er über Heine wüßte, äußerte der Mann. Seine Frau dachte nach: „… Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute, …“, ist das von Heine? Das konnte ich bestätigen. Heine war also immer noch ein verstoßener Dichter in der BRD-Realität!?
Auch in Goslar wurden die Arbeitsgruppen in Stadtverwaltung und Stadtarchiv freundlich empfangen. Andere waren unterwegs, um Touristen und Einwohner nach Kenntnisse über Heine und Harzreise zu befragen.
Einige Schüler trafen auf eine Reisegruppe aus den USA bei ihrer Harzreise. Auch die wurden interviewt. Eine Schülerin hatte ein Jahr vorher bei einem Jahresaufenthalt die High School der USA abgeschlossen und sprach akzentfrei Englisch. Das wurde bewundert und es war zu erfahren, einige wußten etwas: Heine, deutscher Dichter, Jude, verboten bei Hitler! Das war mehr, als viele befragten Einwohner wussten über Heine.

Erinnerungsfotos wurden geschossen vor dem Abstieg

Alle Schüler sahen im nachhinein diese Harzreise als Gewinn für ihre Entwicklung an. Sie waren einem Dichter näher gekommen, der freimütig gegen die deutschen Zustände und die deutsche Bourgeoisie mit spitzer Feder austeilte, fanden aber auch heraus, dass er zwar gegen alle Seiten austeilte, aber wenig gelitten war, dass sein Lebenslauf erheblich geschönt worden ist.
Das war im 12. Jahr der deutschen Einheit. Viel Aufgeschlossenheit gegenüber Ostdeutschen war vorhanden und das Bemühen, diese an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Einiges hört sich an wie Märchen …

In der Näher der Jugendherberge wurde noch ein Gruppenfoto aufgenommen mit den Mützen der Versicherung HUK-Coburg, einem der Sponsoren.

30 Jahre nach der Wende, 30 Jahre WESTEN; 2019 – ein ganz persönlicher Rückblick, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse

(10) Zweiter Neuanfang: Arbeit an einem neu gründeten Gymnasium

Der Drang der Schüler der 4. Klassen an das Gymnasium war 1995 noch ungebrochen. Etablierte Einrichtungen – ehemals „Erweiterte Oberschulen“ (EOS) – platzten aus allen Nähten. Neugründungen von Gymnasien wurden notwendig.
Aus einer alten „Russenschule“, die zur Garnison gehört hatte, wurde nach kompletter Entkernung ein Neubau mit Sportanlagen, Turnhalle und komplett neuer Einrichtung. Ein allseitiger schulischer Neubeginn wurde möglich.
Einige Kollegen wurden nach einer Ausschreibung eingestellt, andere konnten sich nach Ende des Studienseminars für die Arbeit am Gymnasium entscheiden.
Mehr als 50% der Schuljahrgänge der Nachwendezeit wollten für die Zukunft gerüstet sein, Abitur machen, um studieren zu können. Die Aufnahmebedingungen waren extrem großzügig. Einige Eltern und deren Kinder hatten dabei aber übersehen, dass auch weiter Lernwille und Leistungsbereitschaft gefragt waren.
So einfach kam man zu DDR-Zeiten nicht an die Erweiterte Oberschule zum Abitur. Man musste delegiert werden.

2002 – letzter Schultag vor den Prüfungen; ein Höhepunkt im Leben der Schüler nach 12 Jahren Unterricht; jedes Jahr wurde ein anderes Thema gewählt: hier – werktätige Menschen in Stadt und Land

*Gerangel um Abiturplätze in der DDR

An meiner früheren Schule mit einem Jahrgang von 120 Schülern in der 8. Klassenstufe konnten 12 Schüler zur EOS (Erweiterte Oberschule) delegiert werden. 80% davon mussten Arbeiter- und Bauernkinder sein, also Angehörige der herrschenden Klasse. 20% der Plätze waren für die „Intelligenz“ reserviert: Apotheker, Lehrer, Ingenieure, Pfarrer, Ärzte, aber auch für Gewerbetreibende und Mitgliedern anderer Parteien.
Das Bildungsmonopol der vormals herrschenden Klasse sollte gebrochen werden. Das war sicher richtig für die 50er und frühen 60er Jahre. Viele Schüler, die wegen der sozialen Herkunft niemals zu Abitur und Studium einen Weg gefunden hätten, konnten jetzt studieren und einen Beruf wie Arzt, Lehrer, Ingenieur, Wissenschaftler ergreifen.
Allein, die Jahre gingen ins Land. Die, die einstmals aus unteren sozialen Schichten kamen, gehörten jetzt nach dem Studium plötzlich zur Intelligenz, waren keine lieben Arbeiter und Bauern mehr und konnten ihre Kinder nicht auf die EOS schicken. Das schuf Unzufriedenheit und die Genossen der SED fanden darauf keine Antwort!
Ein großes Gerangel war besonders dort zu verzeichnen, wo eine Universität oder Hochschule angesiedelt war, z. B. in Jena.
Kleinere Orte mit wenig Intelligenz hatten es da besser. Die Mehrheit der Schüler, deren soziale Herkunft Arbeiter/Bauer war, hatte aus alter Tradition heraus nicht den großen Wunsch Abitur zu erwerben, weil ein Hilfsarbeiter im Schichtbetrieb besser als ein Arzt verdiente. Viel Überzeugungsarbeit war in diesen Familien notwendig, ihren begabten Kindern das Abitur zu ermöglichen.

2000 – letzter Schultag nach 12 Unterrichtsjahren unter dem Thema FRIEDEN

*Beziehungen zum Ortspfarrer

Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres sprangen wieder einige von der Delegierung zum Abitur ab, aber die Schule musste ihre geforderten Anzahl liefern. Die Intelligenz des Ortes konnte entsprechend der Quote nur wenig Kinder unterbringen und fragte schon immer mal um einen Schulplatz an der EOS nach. Jetzt kam ihre Stunde. Jetzt baten wir sie, Sohn/Tochter zur EOS zu schicken. Das gelang fast immer ohne größere Konflikte.
Über die Jahre konnten wir so alle Wünsche erfüllen. Unser Pfarrer hatte 5 Kinder. Vier davon wurden auf diese Art zur EOS delegiert.
Ich erinnere mich, dass dieser Pfarrer immer in der Woche vor dem neuen Schuljahr auftauchte und Terminwünsche für seine Christenlehre, den Konfirmandenunterricht oder die Konfirmation hatte. Jugendweihe sollte nicht am Tag der Konfirmation sein, Pioniernachmittag oder Arbeitsgemeinschaften nicht während Christenlehre/Konfirmandenunterricht. Wir fanden immer einen Weg und außerdem hätte die Bevölkerung kein Verständnis für den Kampf gegen die Kirche aufgebracht. Es ging ja um die gleichen Kinder und viele wollten Konfirmation und Jugendweihe feiern. Mir ist bekannt, dass viele meiner Kollegen ähnlich gehandelt haben. Gesprochen haben wir darüber nie, aber zu vermuten war, dass auch vorgesetzte Dienststellen von diesen Absprachen geahnt haben.
Es gab wohl immer viele Wahrheiten. Eine Aufarbeitung der DDR Geschichte durch zukünftige Generationen wird ein ausgeglichenes Bild zeichnen von DDR Vergangenheit unter Einbeziehung vieler überlieferter Dokumente.

2000 – letzter Schultag vor den Abiturprüfungen unter dem Thema: Symbolik der verschwundenen DDR. Wir als Lehrer waren immer wieder verblüfft, woher die Schüler die Pionier- und FDJ Kleidung im 11. Jahr der Wende beschaffen konnten

*Neuanfang an neu gegründetem Gymnasium

Mit 55 Jahren, 6 Jahre nach der Wende, wurde die Möglichkeit geboten am eröffneten Gymnasium noch einmal ganz neu anzufangen: neue Schüler, neue Schule, neues Kollegium, neue Schulleitung.
Mit der Schulleitung hatten wir es gut getroffen. Neues wurde gefördert und nach außen wurde abgeschirmt. Viele wollten in der neuen Freiheit plötzlich Einfluss nehmen auf Bildung und Schule. Am Anfang gab es öfter mal Bombendrohungen und die Schule musste geräumt werden.
Anweisungen des Kultusministeriums purzelten in schneller Reihenfolge ein. Da hieß es erst mal abwarten mit der Umsetzung, vielleicht 4 Wochen? Inzwischen waren neue Weisungen zu erfüllen, die die Vorgänger überlagerten. Kultusminister wechselten schnell.
Die Schüler der oberen Klassen hatten noch mehrere Jahre DDR Schule in den Knochen und das rote/blaue Halstuch getragen, auch die blaue FDJ Bluse.
Meine Schüler Klasse 11 und 12, Leistungskurs Deutsch, standen allem Neuen aufgeschlossen gegenüber, akzeptierten neue Unterrichtsformen und Lerninhalte. Ein produktiver Umgang mit völlig neuen Texten stand im Mittelpunkt und Textverarbeitung mit dem Computer.
Es ging vorwärts. Alles war 1995 noch auf Optimismus und Zuversicht geschaltet …

Abiturfeier 2002 – der Chor aller Jahrgangsteilnehmer hat für Lehrer und Eltern Lieder eingeübt mit selbst geschriebenen Texten

30 Jahre nach der Wende 1989 – 30 Jahre WESTEN 2019; ein ganz persönlicher Rückblick, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse

(9)Aufbau Studienseminar in Thüringen

Oktober 1990, der Aufbau der Studienseminare beginnt.
Räume standen zur Verfügung, leer. Die Möbel, die irgendwo untergestellt waren, mussten herangeschafft oder zusammengebaut werden. Also, Arbeitskleidung anlegen und die Räume möblieren. Für uns Ossis war das eine gewohnte Übung. Haben wir als Lehrer gemeinsam mit den Eltern in freiwilliger Arbeit Klassenräume gestrichen, Werterhaltung durchgeführt und z.T. auch selbst bezahlt. Die Schaffung materieller Voraussetzungen für Schule stand nie stark im Focus der Schulfunktionäre und der Partei. Sie hatten es mehr mit der Ideologie. In diesem Bereich waren scharfe Beobachtungen und ständiges Misstrauen angesagt.
Kleine Arbeiten erledigten Lehrer und Eltern. Größere handwerkliche Sachen mussten die ortsansässigen Betriebe mit ihren Handwerkern erledigen, auch ohne Rechnung – ganz selbstverständlich. Als Schulleiter musste man wissen, wie man die Heizung in Betrieb setzt und auch wartet, die Elektrik der Schule und auch Abwasser gehörte selbstverständlich zu den Aufgabenbereichen. Der Hausmeister hatte das gleiche Ansehen wie der Direktor!

1992- Fachleiter des Studienseminars sind häufig auf Exkursion mit den Lehramtsanwärtern, um Neues auszuprobieren außerhalb des Klassenraums.

*die Arbeit im Studienseminar beginnt

Dann war alles vorbereitet und eingerichtet im neuen Studienseminar. Mehr als 80 Absolventen, alles fertige Fachlehrer mit Staatsexamen verschiedener Fächer, waren angesagt aus Thüringer Hochschulen. Im Studienseminar sollten sie auf ihren Einsatz an den Schulen in Thüringen in zwei Jahren vorbereitet werden. Für mich fielen 18 junge Kolleginnen und ein Kollege ab.
Nach den unvermeidlichen Formalitäten und zeitweiliger Verbeamtung begann die Aufteilung auf die Ausbildungsschulen in bis zu 70 Kilometer Entfernung vom Ausbildungsstandort.
Eigentlich begann nun die beste Zeit meiner 45jährigen Lehrertätigkeit.
Alles war neu, fertige Pläne für die Ausbildung gab es noch nicht. Immer und überall waren Kreativität der Fachleiter und der Lehramtsanwärter gefragt.
Neue didaktisch methodische Vorhaben der Unterrichtsarbeit konnten getestet werden. Der Frontalunterricht wurde abgebaut, neue Lerninhalte eingeführt, produktiver Umgang mit Texten geübt u.a.m.
Ich selbst unterrichtete an einer zugewiesenen Schule 8 Stunden, hielt Seminare ab und besuchte regelmäßig die LAA an ihren Ausbildungsschulen. Alles lief, wie wir uns einen Neuanfang vorgestellt hatten.

1993 – Fachleiter unterwegs aus unterschiedlichen Fachrichtungen bei der Projektvorbereitung, um alle LAA des Studienseminars einzubinden in das Projekt: „WASSER“.

*Verunsicherung und Ängste an den Schulen

Für die Kollegien an den Schulen galt das allerdings nicht. Die Angst um den Arbeitsplatz, die Bewältigung der neuen Anforderungen verunsicherten viele. Wie die große Masse der Lehrer an der Schule im Unterricht mit der Wende zurecht kamen, darum kümmerte sich niemand. Broschüren kamen an die Schulen und sollten im Unterricht eingesetzt werden. Was in den Broschüren stand über ihr Leben, das hatten Schüler und Lehrer in den meisten Fällen so nicht erlebt.
Interessiert wurde beobachtet an den Schulen, was in den Unterrichtsversuchen der LAA an Neuem zu sehen war.
Saßen wir Fachleiter am Seminar zusammen und tauschten uns über den Fortgang der Ausbildung an den vielen Schulen aus, fiel uns immer stärker auf, die Lehrer wurden komplett allein gelassen mit den neuen Bedingungen, mit neuen Lerninhalten, den neuen Lehrbüchern, den Schülern und Eltern, die nun die neue Zeit mit allen Problemen konfrontierte.
Nun rächte sich, dass an sehr vielen Schulen die Schuldirektoren pauschal ausgewechselt worden sind, da ja fast alle Mitglieder der SED gewesen sind. Man hätte den Wechsel den Kollegien, Schülern und den Eltern überlassen sollen. Nun galt fast als einziges Kriterium, nicht SED Mitglied gewesen zu sein. Viele Kollegien hatten in der demokratischen Freiheit schnell und vorsorglich ihren Schulleiter selbst gewählt. In einigen Fällen waren das Leute, die bisher nichts wollten, wenig Durchsetzungskraft und Ideen besaßen und dem Kollegium nicht gefährlich werden konnten.
Die LAA berichteten immer wieder von der Talfahrt ihrer Ausbildungsschulen. Alles Alte, vor allem die kulturelle und sportliche Tätigkeit der Schüler am Nachmittag war zusammengebrochen, neue Strukturen nicht vorgesehen. Der Stand der Schule im Ort versank in der Bedeutungslosigkeit. Disziplinprobleme und Schulschwänzen nahmen zu.
Gab es Fortbildungen, dann waren alle freiwillig und diejenigen, die vorher schon meinten, mit Ende des Studiums hätten sie alles, was möglich war schon gelernt, ließen sich nirgends mehr sehen.

1993 – der erste Jahrgang hat seine Vorbereitungszeit erfolgreich absolviert und wird ein Lehramt übernehmen.
1993 – Die Unterlagen nach erfolgreicher Prüfung werden übergeben.

*Fachleiter des Studienseminars werden ohne Anweisungen aktiv

Auf Bitten einzelner Schulleiter begannen wir Fachleiter an einigen Schulen aktiv zu werden in unseren Fachbereichen. Mit Vorträgen zum neuen Lernstoff, zu veränderten didaktisch methodischen Möglichkeiten, zu neuen Unterrichtsformen und auch zum Einsatz der Computer boten wir Vorträge und Übungen an.
Computer standen jetzt an vielen Schulen herum, die von Schulen des Westens als Geschenk übergeben worden waren. Viele hatten die erste Computergeneration weiter gereicht in den Osten. Kaum jemand wusste damit umzugehen. Einige Kollegen wollten mit dem Teufelsdingern nichts zu tun haben. Andere wiederum waren aktiv, um ihren Schülern voraus zu sein.
Nachdem unsere Eigeninitiative von Verantwortlichen für Schule im Schulamt registriert worden waren, wurden die Initiativen gefördert und auch vergütet. Ich selbst reiste an Regelschulen und Gymnasien in Weimar, Erfurt, Eisenach und in viele kleine Orte, um ein bisschen neue Schulzeit breitzutreten im Fach Deutsch! Manchmal erwartete man 10 -15 Deutschlehrer und dann saß da das ganze Kollegium erwartungsvoll.
Es stand viel Geld zur Verfügung für neue Lehrbücher, aber niemand hatte die Verantwortlichen eingewiesen in das System der Schulbuchverlage. Für unsere LAA ergab sich ein neues Problem im Unterricht. Bücher wurden für viel Geld angeschafft. Im schlimmsten Fall stand für jede Klassenstufe ein andere Verlag mit anderen Büchern zur Verfügung. Noch schlimmer! Parallelklassen hatten unterschiedliche Lehrbücher, weil das einzelne Lehrer so wollten. Die Schulbuchverlage freute dieser gewaltige Umsatz ungemein.
Unsere LAA beobachteten auch, dass eine Reihe von Lehrern für ihren Unterricht Klassensätze ihrer DDR Lehrbücher mit in den Unterricht nahmen und weiter arbeiteten wie vorher!

1993 – Jahresabschluss der Fachleiter

*gesellschaftliche Veränderungen, Arbeitslosigkeit und Unsicherheit lösen Probleme aus

Dann waren neue Kopierer vorhanden und eine Kopierorgie begann, denn am Anfang gab es keinerlei Limit für kopierte Blätter. Alles wurde kopiert und die teuren Lehrbücher wurden kaum genutzt. Man hätte sich hineinarbeiten müssen …
An einer 8. Klasse, die ich im Fach Deutsch als Fachleiter in einem Neubaugebiet übernommen hatte, war die gesellschaftliche Umwälzung durch die extrem hohe Arbeitslosigkeit in ihrer ganzen Brutalität gegenwärtig. Noch in der Klasse 8 lief alles normal in der Wendezeit. In der 9. Klasse änderten sich die Dinge ungemein. Mehr als 50% der Eltern hatten sich scheiden lassen, arbeiteten an verschieden Orten im Westen und sie plagten andere Problem als die Schule ihrer Kinder. Disziplinlosigkeiten, Lernunlust, Schulschwänzen nahmen zu. Freizeitmöglichkeiten waren komplett weggebrochen, Drogen wurden ausprobiert. Die Ablenkung und Verführung durch das neue Umfeld war riesengroß. Eltern glaubten in der Freiheit nun, alles wäre erlaubt. Sie tauchten während der Unterrichtsstunde im Klassenraum auf, um dem Lehrer zu sagen, was er zu tun hat mit Sohn/Tochter und auch, was sie von ihm halten.
Die Schule musste abgeschlossen werden.
Ich erinnere mich an ein Mädchen, das die ersten Tage in der 10. Klasse anwesend war, dann aber nicht mehr die Schule besuchte. Die Jugendämter waren überlastet und die Schülerin geriet in Vergessenheit. „Vielleicht auch in den Westen gezogen“, vermuteten wir? Dann, in der letzten Schulwoche, tauchten Mutter und Tochter wieder auf und forderten ein Abschlusszeugnis der 10. Klasse. Üble Beschimpfungen der „roten Arschlöcher“ war die Folge. Viele verwechselten Freiheit mit Anarchie.

1994 – Unterwegs mit LAA und Schülern zu einer Lehrprobe. Lernen außerhalb der Klassenzimmer – die hohe Zeit der Interaktionsspiele.

*Gegenbesuch der Kollegen aus Rheinland-Pfalz

Eines Tages am Ende des ersten Jahres tauchten unsere Ausbilder aus Rheinland-Pfalz wirklich im Studienseminar auf. Sie nahmen an Seminaren teil, besuchten gemeinsam mit uns Unterrichtsproben der LAA an den Schulen, steckten ihre Nasen in alle Ecken und auch in die Bürokratie. Dann gaben sie ihrer Bewunderung Ausdruck: „Wozu wir viele Jahre gebraucht haben Studienseminare aufzubauen, dass habt ihr in einem Jahr geschafft. Ihr habt Eigenes geschaffen, uns nicht kopiert.“
Diese Anerkennung ging uns runter wie Honig.
Um ihnen eine Freude zu machen, luden wir sie an einem Abend zu einem Cabaret Besuch ein. Die Besucher tobten über die Gags, die die gerade untergegangene DDR auf die Schippe nahmen. Unsere Kollegen, intelligente Menschen, wussten nicht, an welcher Stelle sie lachen sollten. Immer wieder fragten sie nach, warum das lustig gewesen sein soll. Da wurde uns so richtig bewusst, wie weit wir uns doch voneinander entfernt hatten.

Nach zwei Jahren verließ der erste Jahrgang unser Studienseminar. Alle hatten ihre Prüfungen erfolgreich bestanden.
Lehrämter in Thüringen standen kaum zur Verfügung. Die alte DDR hatte eine große Menge von Lehrern hinterlassen. Fast alle Absolventen gingen nach Bayern und Hessen, um ein Lehramt zu übernehmen. Diese Bundesländer hatten inzwischen ihre Einstellungsordnungen geändert, nahmen jetzt auch Leute aus den Thüringer Studienseminaren auf. Die Verbeamtung erfolge nach kurzer Zeit mit einem wesentlich höherem Gehalt als in Thüringen.
Einige Absolventen besuchten uns immer mal am Studienseminar und lobten besonders Bayern und deren Schulen. Warum, fragten wir? Zu erfahren war, dass dort Disziplin, Ordnung und klare Linie noch zu den Prinzipien der Schulen gehörten.
Drei weitere Jahre besteht das Seminar noch, dann werden die Studenten auf Lehramt beträchtlich weniger. Man studiert Betriebswirtschaft, Sozialwissenschaften u.a. Lehrer wurden ja in Thüringen wenig gebraucht und außerdem hatten Schule und Unterricht sich erheblich verändert.
Wir hatten uns eingearbeitet. Nun war nach 5 Jahren Schluss. Das Kollegium zerstob in alle Winde. Die kreative Zeit des Neuanfangs war vorbei …

1993 – Abschlussfeier nach zwei Jahren Studienseminar

*Hat die Politik nach 30 Jahren dazu gelernt im Bereich Bildung?

Vor 30 Jahren wurden in der Wendezeit Schule und Lehrer komplett allein gelassen. Irrwitzige Summen steckte man in neue Lehrbücher. Leute tauchten auf und wollten ihren Hass auf die untergegangene DDR vor Schülern abarbeiten. An Weiterbildung für alle Lehrer dachte man nicht. Die Zeit würde es wohl richten!?
Sollte eine kritische Aufarbeitung der ersten Jahre in der Politik erfolgt sein, waren nach der nächsten Wahl andere Leute im Kultusministerium. Die trieben dann eine neue Sau durchs Dorf.
Das Unheil des kleinstaatlichen Schulsystems fraß sich auch in den Osten. Großflächig wurde angepasst. Schulpolitik blieb weiter Ländersache und der Anschluss an den Rest der Welt ging verloren. Schade, hatten sich doch fast ein Jahrhundert lang viele Länder am deutschen Bildungssystem orientiert mit der Bildung für alle und besonders der Berufsausbildung.

1992 – Schüler arbeiten ihre Projektaufgaben ab.

30 Jahre später wird der Rückstand deutlich und der Bund muss betteln, dass die Länder die Milliarden für Bildung annehmen, um den Anschluss an Digitalisierung und künstliche Intelligenz nicht gänzlich zu verspielen.
Rechnet man die bereitgestellten Milliarden Euro um auf alle Schulen, sind das gute 100 000 Euro pro Schule. Technische Voraussetzungen werden den Großteil des Geldes fressen. In den meisten Kommentaren kommen nur wenige auf den Gedanken, an den Schulen etwas strukturell zu verändern.
Voraussetzung für eine Veränderung wäre, allen Lehrern 2 Wochen Fortbildung zu spendieren, um sie fachspezifisch und didaktisch/methodisch auf den neuesten Stand zu bringen, sie zu befähigen, mit den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung umzugehen.
An jeder größeren Schule müsste ein IT Fachmann hauptberuflich tätig sein, der beraten könnte, komplexe Aktionen vorbereitet, Digitalisierungen vornimmt und bereitstellt, den Schulserver am Laufen hält, Programme und Software beschafft oder selbst schreibt u.a.m.
In drei bis vier Jahren Arbeit mit neuer Hardware ist diese bei der heutigen Geschwindigkeit der Entwicklung moralisch verschlissen und führt ein so tristes Dasein wie die an vielen Schulen heute vorhandenen interaktiven Tafeln.
Nach 30 Jahren ist klar, das kleinteilige deutsche Schulsystem ist nicht reformierbar. Der Bund muss in der Bildungspolitik die Rahmenbedingungen vorgeben wie in Frankreich oder anderswo zum Beispiel …

30 Jahre nach der Wende 1989 – 30 Jahre WESTEN 2019; ein ganz persönlicher Rückblick, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse

(8) Sommerferien 1991 mit großer Überraschung

Späte Sommerferien in diesem Jahr gab es in Rheinland Pfalz, endlich Heimreise. Daheim am nächsten Morgen Briefkastenleerung. Ein Brief vom Schulamt, öffnen, nicht zu begreifen: 5 Zeilen insgesamt – Anrede, Mitteilung, „Mit sofortiger Wirkung aus dem Schuldienst entlassen wegen unzureichender Eignung“, Grußformel.
Keine Begründung! Die Knie wurden weich, sicher ein Versehen!?

1964 – Schüler der 7. Klasse aus einer kleinen Dorfschule mit Stufenunterricht bei einem Ausflug in eine Jugendherberge.

*Erneut entlassen aus dem Schuldienst …

Anruf beim Schulamt: alles richtig, kein Versehen, keine Begründung, keine weiteren Auskünfte! Ich war freigestellt, wie das damals ganz neudeutsch hieß!
Erste Entlassung 9 Jahre vorher aus dem Schuldienst als Klassenfeind. Die Begründung kam 1982 über die Presse.
Jetzt – nicht mal eine Begründung war ich heute wert!
Hektisches Herumfragen, was war während der Monate der Delegierung nach Rheinland/Pfalz hier passiert?
Eine weitere Überprüfung der Lehrerkollegien war angeordnet worden von irgendeinem Runden Tisch. Eine Gruppe von 15 Personen aus Elternvertretern und Lehrer ohne Parteizugehörigkeit (SED) sollte entscheiden, welche Lehrer bleiben dürfen an der Schule. Wer wollte und es sich zutraute, konnte an der Selektion teilnehmen. Eine Lehrerliste lag allen vor. Kreuze mussten gesetzt werden, wer weiter als Lehrer geduldet werden sollte. 8 Kreuze bekam ich, 10 Kreuze hätten es sein müssen – Entlassung!
So einfach und „demokratisch“ lief das ab.

1974 Schüler in Pionierkleidung, die bei der Jugendweihe einer Klasse 8 Blumen überreicht haben.

*Entscheidungen basisdemokratisch …

Eine Kollegin hatte sich in diese Gruppe vor der Selektion eingeschmuggelt und vorab auf die Kommission ohne Hinderung eingeredet und emotional agitiert.
Einige Jahre vorher war diese Kollegin von mir abgemahnt worden wegen einer groben Pflichtverletzung. Sie wollte mit ihrer 10. Klasse am Wandertag ein Freibad aufsuchen, hatte aber etwas vor und ließ die Schüler allein fahren. Einer verletzte sich schwer und musste ins Krankenhaus. Eine Abmahnung war ausgesprochen worden wegen ihrer Pflichtverletzung. Diese Abmahnung hatte sie nie akzeptiert und nun eine Möglichkeit gefunden, den Racheengel zu spielen in dem Durcheinander der ersten Zeit nach der Wende.
Zwei Stunden nach Ankunft des Briefes hatte ich das herausgefunden und brachte einen Text zu Papier. Kurz nach Mittag konnte ich mehrere Briefe in die Post geben: Kultusministerium Erfurt , Petitionsausschuss des Landesparlamentes, Bildzeitung, Spiegel, Super Illu, „Volkswacht“ – ehemals Bezirkszeitung, die in jedem 2. Haushalt gelesen wurde.
Die Post funktionierte auch in der Wendezeit. Mir konnten eigentlich nur die Öffentlichkeit und die Presse helfen.
Schon am Vormittag riefen Spiegel und Super Illu an, stellten Fragen und wollten sich wieder melden. Dann steckte die „Volkswacht“ im Kasten am nächsten Morgen. Aufschlagen wie üblich, Seite 2 innen, ein Artikel mit sehr dickem Trauerrand fiel sofort auf – wer ist gestorben? Keiner gestorben – mein Text war unverändert zu lesen innerhalb des schwarzen Rahmens!

1978 – Bläsergruppe aus dem Orchester der Schule: letzte Absprache vor einem Festappell

*Einladung zum Gespräch ins Kultusministerium

Mittag dann ein Anruf: Kultusministerium Staatssekretär Althaus: „Die Frau Minister möchte morgen 14 Uhr mit ihnen reden!“
Nächster Tag 14 Uhr bei Frau Minister Lieberknecht. Sie war wohl erst 3 Wochen im Amt, vorher Pfarrerin. Die Vorzimmerdame flüsterte mir im Vorbeigehen zu: „15 Minuten!“ Frau Minister und Herr Althaus begrüßte mich. Vor der Ministerin lagen die Tageszeitung und meine Personalakte.
Ohne Umschweife wurde ich gefragt, warum ich die nötige Punktzahl nicht erreicht hätte und was das überhaupt für eine Selektion gewesen sei? Eine kurze Darstellung der Ursache genügte. Dann war der Punkt abgehakt. Frau Lieberknecht hatte gehört, dass ich im Westen arbeite und wollte wissen, was ich dort mache. Das Schulamt hat mich ausgewählt und delegiert hat mich das Kultusministerium in Erfurt, um Erfahrungen zu sammeln, wie hier in Thüringen diese Studienseminare aufgebaut und arbeiten könnten.
Nun war ihr Interesse geweckt: „Studienseminare!“

1976 – Namensweihe der Schule – Festappell

*Gespräch im Kultusministerium mit der Ministerin

Wir sind eine Gruppe von Lehrern, die von den Schulämtern Gera, Nordhausen, Eisenach Erfurt u.a. delegiert worden sind, um im neuen Schuljahr hier diese Ämter aufzubauen, erläuterte ich. Wir diskutieren immer wieder in der Gruppe der Abgeordneten aus Thüringen darüber, dass wir die Studienseminare in Rheinland/Pfalz nicht kopieren, sondern etwas Spezifisches für Thüringen schaffen wollen: weniger Bürokratie, mehr Nähe zu den LAA zu den Schülern, Schulen u.a.m.
Viele weiteren Fragen waren der interessierten Frau Minister zu beantworten. „Was erlebt ihr dort? Was läuft in den Schulen dort anders? Was können wir lernen und übernehmen? Was können wir von unserem Schulsystem bewahren oder übernehmen?“ Meine Meinung wollte sie wissen und ich sagte ihr, was uns Kollegen aus Hessen, Bayern, Rheinland Pfalz gesagt hatten: „Ihr habt die einmalige Gelegenheit etwas Neues zu beginnen. Lasst euch nicht unsere abgewirtschafteten Schulsysteme einzelner Bundesländer überstülpen. Das meiste ist nicht mehr zeitgemäß, neu Strukturen und neue Lerninhalte wären notwendig!“
Viele Fragen folgten noch. Herr Althaus beteiligte sich an dem Gespräch kaum. Er schaute immer wieder zur Tür, wo die Vorzimmerdame heftige Zeichen machte und auf ihre Uhr zeigte. Mehr als eine Stunde war vergangen.
Es war ein Gespräch auf Augenhöhe und ich wusste, die Frau Minister wird etwas für mich tun und auch für die Schulen in Thüringen.
Was ein Bild auf die Verhältnisse der Wendezeit wirft – überall neue Leute – konnte ich sehen, als mir beim Ausscheiden nach 45 Lehrerjahren meine Personalakte am letzten Schultag übergeben wurde. Da hatte doch einer ihrer Mitarbeiter im Kultusministerium ihre handschriftlichen Notizen zum Gespräch mit Weisungen sorgfältig in meine Akte eingeheftet!!!
Frau Lieberknecht habe ich nie wieder gesehen, nicht als Ministerin, nicht als Ministerpräsidentin, um mich bei ihr zu bedanken. Für mich wäre damals mit 50
Jahren alles zu Ende gewesen wie bei so vielen …
Am nächsten Morgen ein Anruf aus dem Kultusministerium. Ich sollte nach den Ferien wieder in den Westen fahren und meine Arbeit fortsetzen.
Dort lernten wir weiter, wie man Studienseminare aufbaut und betreibt. Viel Neues, bei uns Unbekanntes, hatten wir erfahren.
Auf Bitten veranstalteten die Kollegen dort auch noch Computerlehrgänge für uns im Bereich Textverarbeitung, damit wir unsere LAA und Kollegen an den Schulen unterweisen konnten. Bei uns gab es jetzt auch viele gebrauchte Computer …
Nach einem herzlichen Abschied versprachen die Kollegen aus Kaiserslautern, uns nach 6 Monaten zu besuchen in Thüringen, um nachzusehen, was wir aus ihren Ratschlägen gemacht haben.

1989 – 10 Klasse: Abschlussball der Tanzstunde

30 Jahre nach der Wende 1989 – 30 Jahre WESTEN 2019; ein ganz persönlicher Rückblick, Erinnerungen, Überlegungen, Erkenntnisse

(7) 1991 – wie entwickelt sich der Prozess der Wende weiter?

Die Jahrzehnte lange Routine im Schulbetrieb lief mit neuen Leitungen weiter. Im methodisch didaktischen Bereich und bei neuen Unterrichtsinhalten gab es große Verunsicherungen bei Lehrern, Schülern und Eltern. Anpassungen an jetzt bundesdeutsche Gepflogenheiten wurden notwendig in den Schulen und bei den Lehrerausbildungen.

1974 Sommerferien – Schwimmlager. Jedes Jahr in den Sommerferien fanden Schwimmlager statt. Nach 2-3 Wochen konnten alle Teilnehmer schwimmen. An der Schule (1250 Schüler) gab es keine Nichtschwimmer!!!

*die Anpassung an das bundesdeutsche Schulsystem beginnt

In allen alten Bundesländern lief Lehrerausbildung anders als auf DDR Gebiet. Lehrerausbildung war im wesentlichen Fachausbildung. Vorlesungen und Seminare wurden gemeinsam mit denen absolviert, die Germanist, Physiker, Geograph o. a. werden wollten. Pädagogik, Didaktik spielten fast keine Rolle. Praktika mit Schülern waren nicht vorgesehen. Nach 4- oder 5jährigem Studium merkte mancher, dass er mit Kindern nicht umgehen kann oder sprachlich ungeeignet ist. Jetzt musste ein Studienseminar 2 Jahre lang in allen Bundesländern besucht werden, um den pädagogisch, didaktisch – methodischen Teil nachzuholen, um in den Landesdienst übernommen zu werden. Jedes Bundesland hatte da seine eigenen Prinzipien und die abschließenden Prüfungen wurden im wesentlichen von den anderen Bundesländern nicht anerkannt.
In der ehemaligen DDR waren wissenschaftliche Ausbildung und pädagogische Ausbildung eng miteinander verzahnt. Es gab viele Praktika an den Schulen mit Schülern während der gesamten Studienzeit und Teil des Staatsexamens war auch das Ablegen von Unterrichtproben. Fertige Lehrer standen nach dem Examen für den Einsatz überall im Land zur Verfügung.
Kurz nach der Wende forderten uns viele Kollegen und Lehrstühle der Universitäten aus der BRD auf, etwas zu tun für den Erhalt der Lehrerausbildung, Schulstrukturen, Lerninhalte in der DDR. Das verstanden wir nicht so recht, dachten wir doch, in der BRD wäre alles besser, fortschrittlicher im Bereich Bildung. Dass das gesamte Bildungssystem der BRD mit seinen kleinstaatlichen Ansprüchen völlig antiquiert war, konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Wer mehr als 2200 Lehrpläne als gültig betrachtet und eine so große Anzahl unterschiedlicher Schulstrukturen, alles zur Landessache macht, kann seine Provinzialität nicht verbergen.
Schnell musste etwas zur Angleichung der DDR Schule getan werden. Die neuen Bundesländer wollten schnellstmöglich Studienseminare aufbauen und in den alten Ländern lernen. Dazu brauchte man Leute.

1986 Lager für Erholung und Arbeit. Hilfe in der Obsternte durch deutsche und polnische Schüler. Am Vormittag wurden 4 Stunden gearbeitet, am Nachmittag wurde gebadet, Exkursionen in die nähere Umgebung organisiert, Freizeit aktiv gestaltet, Freundschaften gepflegt …

*Lernen in Rheinland-Pfalz

Da ich 10 Jahre früher aus dem Schuldienst entfernt worden war wegen Westkontakten und staatsfeindlichen Handlungen, schien ich als DDR Geschädigter für diese Tätigkeit geeignet zu sein. Als kleine Gruppe reisten wir – Parteimitglieder anderer Parteien, durch DDR Behörden gemaßregelte Kollegen u.a. nach Rheinland-Pfalz, die die Patenschaft über Thüringen übernommen hatten und auch alle Kosten trugen.
Alles war bei der Ankunft bestens vorbereitet und organisiert. Nach einigen organisatorischen Vorbereitungen und Gesprächen zu unserer Herkunft aus dem Osten gab es viele Fragen. „Wie habt ihr die Wende ganz persönlich erlebt? Was ist da bei euch wirklich passiert? Wie seht ihr die ganze Wende?“ Lange Gespräche, viele Fragen und Diskussionen wurden geführt. Immer wieder kam die Frage nach dem, was wirklich passiert sei. Den Politikern, Medien und der Presse traute man nicht so richtig!
Zwischen Rheinland Pfalz und Thüringen liegen einige Kilometer; es gab kaum familiäre, verwandtschaftliche Kontakte in der Bevölkerung. Fast niemand war schon mal zu Besuch in der DDR. Eigentlich haben wir nie Leute getroffen, die alles wesentlich besser wussten als wir. Immer war Verständnis, Sachlichkeit da und Aufmerksamkeit.
Die Kontakte zu den Kollegen an den Studienseminaren waren schnell auf kollegialer Basis hergestellt. Wir waren Partner, die lernen sollten in Thüringen Studienseminare einzurichten. In ganz kurzer Zeit waren wir Teil des Tagesbetriebes.
Sehr häufig waren wir an ganz unterschiedlichen Schulen in ganz verschiedenen Unterrichtsfächer mit den Kollegen unterwegs, um Lehrproben der Lehramtsanwärter zu besuchen und auszuwerten.

1962 – Unterrichtstag in der Produktion (UTP). Einmal in der Woche absolvierten die Schüler der Klassen 9 und 10 ihren UTP. Sie arbeiteten in den UTP Räumen des Betriebes und fertigten Teile der Produktion unter Aufsicht eines Lehrers und eines Meisters des Betriebes.

*Im Schulsystem der BRD lief manches anders

Da wir aus dem Osten alle zusammen wohnten, wurde am Abend heftig diskutiert darüber, was hier anders in der Schule läuft als bei uns.
Als Äußeres fiel uns auf, dass Schüler mit Mütze oder anderen Kopfbedeckungen im Raum saßen, während der Stunde aßen, Cola tranken, ohne Abmeldung den Raum verließen. Einmal saß ich in der letzten Bank neben einer Schülerin der 10 Klasse. Die stand plötzlich auf, verließ den Raum und kam nach kurzer Zeit mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Mohnkuchen zurück. Was für Schülerfreiheiten!
An solche anderen Verhaltensweisen mussten wir uns erst gewöhnen. Was uns störte, war eine ständige Unruhe in der Klasse, wenig Aufmerksamkeit. Viele Schüler beschäftigten sich mit anderen Dingen. Der LAA vorn sprach in diese Unruhe hinein und arbeitete eigentlich nur mit Schülern der ersten Bänke. Auf meine Frage am Ende der Stunde, ob ihn diese Unruhe nicht störe, es sei doch eine Missachtung seiner Persönlichkeit, sah er mich verständnislos an. Er entgegnete, dass es doch Freiheit jedes einzelnen Schülers sei, dem Unterrichtsablauf zu folgen oder nicht. Die Interessierten säßen ohnehin in den ersten Bänken, würden gut mitarbeiten.
Diese Erlebnisse und Eindrücke tauschten wir am Abend aus.
Auch an Dienstberatungen und den Pausengesprächen im Lehrerzimmer nahmen wir teil. Von „Helikopter-Müttern“ war häufig die Rede und „Breitreifenneureichen“, die ständig mit Rechtsanwälten unterwegs waren, um Schulnoten zu hinterfragen und anderes. Einige Kollegen meinten, dass würde uns sicher auch in den nächsten Jahren im Osten blühen.
Um Schüler ging es in den Pausengesprächen eher selten. Mehr wurde über den Umgang mit Mietern gesprochen, wie man denen beikommt als Hausbesitzer oder wie die Belegung der Ferienwohnung gewinnträchtig zu organisieren sei.
Uns fiel auf, wenig wird mit Lehrbüchern gearbeitet, aber viele kopierte Blätter gab es, in denen die Schüler nur ankreuzen mussten.

1962 – der erste Mensch der Welt, der die Erde verließ, macht für eine Nacht Halt auf einem Abstellgleis des Kleinstadtbahnhofs. Ein Bahnangestellter erkennt Gagarin während seines Frühsportes und informiert die Schule. Alle wollten Gagarin erleben. Die ganze Schule pilgerte zum Bahnhof. Schüler und Lehrer fragten ihn über seinen Kosmosflug aus. Es war eine ungewöhnlich herzliche Begegnung. Der Sonderzug fuhr verspätet weiter. Ein Schüler hatte seine PouvaStart (einfache Kamera aus Kunststoff – DDR Box!) mitgebracht und fertigte in 6×9 cm Fotos an.

*Sichtung von Lehrbuchinhalten der Klassenstufen

Lehrbücher aus dem Westen hatten wir ja noch nie in der Hand gehalten. Nun wurden Bücher vieler Klassenstufen im Studienseminar durchgesehen. An vielen Schulen gab es auch richtige Bibliotheken, wo nicht mehr aktuelle Bücher aufbewahrt wurden.Mit Hilfe der Lehrbücher waren gute Vergleiche Ost-West zum Unterrichtsstoff möglich.
Unser Kollege Mathelehrer stellte fest, dass im Osten eine ganze Reihe von Rechenoperationen ein bis zwei Jahre früher im Lehrplan standen. Unsere Kollegin für Geschichte staunte darüber, dass so wenig über Hitlerdeutschland und den Zweiten Weltkrieg in den Lehrbüchern zu finden war. Mit seinen Zerstörungen und dem millionenfachen Leid, 50 Millionen Toten schien der Krieg so richtig nicht stattgefunden zu haben. Autobahnen wurden schon gebaut, mit „Kraft durch Freude“ geurlaubt oder Volkswagen gefahren.
Von Judenverfolgung, Auschwitz, Holocaust und Nürnberg war wenig bis nichts zu lesen. Als Deutschlehrer hatte ich da auch meine Probleme. Heinrich Heine kam fast nicht vor. Bei Goethes Faust konnte ich die „Letzten Worte“ nicht finden: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin …“. Eigene progressive Autoren waren auch Mangelware; Klassiker des Ostens – Gogol, Puschkin, Tolstoi hatten es wohl auch nicht in die Lehrbuchredaktionen geschafft.
Heftig wurde darüber diskutiert und uns deuchte, dass die Unterschiede Ost/West doch größer seien, als wir gedacht hatten. 10 Jahre Dauer vermuteten wir damals für den Angleichungsprozess. An 30 Jahre dachten wir nicht. Heute geht es nicht mehr um Ost/West, sondern auch um Nord/Süd – Bundesland gegen Bundesland. Man kann sich auf kein einheitliches zeitgemäßes Bildungssystem einigen. Dieser Kampf ist wohl verloren. Unteres Mittelmaß ist geblieben. Einige Entwicklungsländer haben uns auf die Plätze verwiesen; andere zeigen, wie es geht. Wie Finnland, Japan und andere Bildung definieren, interessiert hier nicht. Mit mehr als 1200 unterschiedlichen Lehrplänen in den Bundesländern wird das auch in Zukunft nichts …

1986 4. Klasse auf Exkursion mit der Patenbrigade. Die Patenbrigade, das waren russische Geologen, die bei der Wismut im Uranbergbau arbeiteten. Sie konnten viele interessante Dinge von ihren Einsätzen aus dem Fernen Osten und Kamtschatka erzählen.

*Besuch von Unterrichtsproben der LAA

Durch die Teilnahme an mehreren Unterrichtsproben bildete sich ein Erwartungsniveau heraus, das wir bei uns dann auch anlegen wollten in Thüringen.
Eine der Unterrichtsproben ist besonders in Erinnerung geblieben. Die Hospitation bei einer LAA war auch gleichzeitig deren Prüfungsstunde in Kaiserslautern.
Es war eine große katholische Mädchenschule, die auf einem alten Kloster aufgebaut worden ist: alte Mauern, Glas, Aluminium, viel Licht und Raum, architektonische Kreativität.
Im Prüfungsraum eine aufgeregte LAA , 25 Mädchen, 2 Vertreter des Studienseminars, 2 Lernende aus dem Osten und die Klassenbetreuerin, eine Schwester in Ordenstracht. Draußen hatte sich ein schöner Frühlingstag entfaltet und die Thematik der Stunde war die Interpretation eines klassischen Frühlingsgedichts.
Die LAA bot für die Unterrichtsprobe mehrere Medien auf, um die Schülerinnen für die Thematik zu sensibilisieren, stellte gekonnt den Text vor und wollte nun erarbeiten, wie es dem Dichter gelungen ist, Emotionen zu transferieren auf den Zuhörer, welche Wirkungen beabsichtigt waren und welche Stilmittel von ihm genutzt wurden.
Der Funke sprang aber auf die Mädchen nicht über; das Unterrichtsgespräch verlief zäh und die LAA tat uns leid. Da meldete sich ein Mädchen, sagte ihre Meinung ganz locker zu den aufgeworfenen Fragen und wie sie selbst der lyrischen Text berührt hat. Eine zweite meldete sich und die zwei Schülerinnen gestalteten anschließend den Großteil der Stunde. Von den anderen gab es nur wenige zaghafte Einwürfe.
Die neben mir sitzende Ordensschwester flüsterte mir zu, dass die beiden Mädchen erst seit 3 Wochen in der Klasse wären und aus dem Osten mit der Familie hierher gezogen seien, eine aus Dresden, eine aus Chemnitz. In ihrer Stimme lag Bewunderung. Irgendwie war ich stolz darüber, dass wir nicht nur Ideologie vermittelt hatten. Dieses kleine Beispiel zeigt, die Angleichung würde doch nicht so einfach zu bewältigen sein.

1991 – Ost – Lehrer im Einsatz in Rheinland Pfalz; ergründen und lernen, wie West Schule so tickt, um in Thüringen Studienseminare für Lehramtsanwärter aufzubauen für deren Übernahme in den Landesdienst.

*Wahlen im Bundesland: SPD löst CDU ab

Abend für Abend saßen wir aus dem Osten zusammen und diskutierten, was wir von dem Erlebten übernehmen und wie wir unser Studienseminar in Thüringen aufbauen wollten.
Die Arbeit in Rheinland Pfalz war hoch interessant. Zu allen Mitarbeitern des Seminars bestand ein vertrauensvolles Verhältnis.
Als die Ferien in Sicht waren und eine Ausfahrt nach Frankreich geplant war, drucksten wir herum, wir hatten kein Geld. Wir nahmen trotzdem teil. Die Kollegen bezahlten unseren Anteil aus der eigenen Tasche …
Wir erlebten aber auch, wie Politik in den Schulbetrieb hineinwirkte. Es war gewählt worden. Die SPD hatte die CDU abgelöst. Unruhe war in einigen Kollegien aufgekommen. Viele Ämter, die mit Schule zu tun hatten, wurden entsprechen der Parteizugehörigkeit neu besetzt. Eine Ahnung kam auf und wurde nachdrücklich von den Kollegen bestätigt, dass auch hier persönlicher Aufstieg etwas mit Parteizugehörigkeit zu tun hat.
Ein heißer Sommer zeichnete sich ab und nach drei Monaten reisten wir wieder nach Thüringen in die Ferien. Uns bewegte der Gedanke, wir können an etwas ganz Neuem mitwirken. Jeder hatte seine Gedanken und Pläne

1965 Schülerappell. Vor der Zeugnisausgabe sind alle Schüler angetreten zum Abschluss des Schuljahres, einige in FDJ und Pionierkleidung. Die Zeugnisausgabe erfolgte im Beisein des Elternaktivs der Klasse und der Patenbrigade. Zeugnisausgabe, das war ein öffentliches Ereignis mit Bürgermeister und Stadträten.